Zwei jüngere Frauen wenden sich an einen vornehm erscheinenden Herrn, der ein wenig verloren im Regen herumsteht. »Welchen Friseur könnten Sie uns empfehlen?« Er tritt einen Schritt zurück, sucht den Himmel über der Altstadtgasse ab nach Vogelflug, wirft einen Blick auf die Armbanduhr, um dann, eines gemächlichen Sprechens sich befleißigend, zu antworten: »Unbedingt Hermann Broch! Lesen Sie den TOD DES VERGIL! Aus meiner Sicht der bedeutendste Roman des XX. Jahrhunderts.« Die eine Dame zeigt sich bemüht, den Romantitel nachzustottern. »Schreibe auf, meine Liebe, halte fest, damit es nicht in Vergessenheit gerät, Autor und Titel.« Die andere tippt, der Aufforderung Folge leistend, in ihr Gerät, die jeweiligen Buchstaben vor sich hinsagend: »T-o-d—d-e-s….« Ein Fahrradfahrer flattert auf dem gelb lackierten Gefährt eines Postamts, der Festlichkeit verpflichtet feiner Regenstriche, geschwind vorüber. »Der Tod des Vergil« hört man, wie ein spätes Echo großer Gewitter und Wetterfronten, aus angrenzenden Gassen herüberklingen. Der Herr hält das Buch in der Hand nunmehr und trägt, erhobenen Zeigefingers, einige Zeilen vor: »…des Menschen Absinken zum Großstadtpöbel und damit die Verkehrung des Menschen ins Gegenmenschliche, bewirkt die Aushöhlung des Seins, durch des Seins Verwandlung zum bloßen Gierleben der Oberfläche, verlustig seines Wurzelursprunges und von diesem abgeschnitten, so daß nichts anderes mehr als das gefährlich abgelöste Eigenleben eines trüben schieren Außen vorhanden bleibt, unheilschwanger, todesschwanger, oh, schwanger eines geheimnisvoll höllischen Endes…Wieder und wieder erscholl das unfrohe Jubelgebrüll der Selbstbetäubung.« Die Großwetterlage des Weinens trifft die drei Herumstehenden. »Ich empfehle mich.« Der Herr, die Tränen abwischend mit dem Einstecktuch des Jackets, verneigt sich tief, um sich dann abzuwenden, leise davonzuschreiten. »In welches Ungewisse hinein müssen wir gehen?« ruft fragend eine der Damen ihm hinterher; wohingegen die andere zu singen anhebt: »Ein Friseur aus Antwerpen groß….«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)