Er wohnte an der Bundestraße 27, direkt über einer Ampel: Er ertrug Tag und Nacht das Lärmen anfahrender Autos. Er saß über seinen Skizzen, umschritt die Staffeleien; in der geräumigen, an die Küche grenzenden Wohnstube, deren Fensterläden nie geöffnet wurden, gehörte sein Denken ausschließlich dem Zeichnen, den Mischtechniken, der Ölmalerei. Das Wohnzimmer der Familie diente ihm als Atelier. Er schrieb, so das Zeugnis der wenigen Freunde, mit seinem bedeutungsschweren Werk seitenlange Briefe an die »Geschwister nahe des Abgrunds« (wie er seine Zeitgenossen zu nennen geruhte, die ihn tatsächlich ignorierten). Er war bettelarm. Seine Familie, die Gattin, die fünf Kinder, war bettelarm. Pinsel und Zeichenstift kämpften vergeblich gegen das Bettelarmsein. Nachts pflegte er in der Küche zu sitzen über seinen Büchern. Selten, daß er die Wohnung verließ. Seinen Kindern konnte er stundenlang erzählen von den Jahren an der Kunstakedemie, den Münchner Jahren, von den zwei Jahren, die er auf der Insel Lesbos verbracht, von der Londoner Zeit – die Kinder sahen sich lächelnd gegenseitig an und dachten, er solle nur reden, der Vater, sie würden doch nicht zuhören. Verbittert mußte er zur Kenntnis nehmen, daß seine Frau die Familie zu ernähren hatte. Sie arbeitete in einer Bäckerei als Verkäuferin, durfte abends oft übrig gebliebene, nicht verkaufte Backwaren mit nach Hause nehmen. Der Bäckermeister war ein frommer Mann, ein Stiller im Lande; er las nicht nur in der Bibel, er sorgte, so gut es irgend ging, für die Familie des Malers; er war, der Meister der Backstube, ein barmherziger Mann. Nicht, daß er auch nur die Spur verstanden hätte vom Kunstschaffen des einsamen Malers, der in der dunklen Wohnung das Außerordentliche schuf; er verachtete den Erfolglosen keinen Augenblick lang. Eigentlich kannte er ihn nur von den seltenen und kargen Erzählungen der Verkäuferin draußen im Laden. Zwei, drei Mal, daß er ihn gesehen; nie aber, daß er ein Gespräch mit ihm geführt hätte. Es blieb bei Grußformeln und flüchtigem Fragen nach irgendwelchen Nebensächlichkeiten. Der Maler saß verloren und einsam und wortkarg in der Wohnung, über dem Straßenlärm, dem Schmutz – seine Augen waren einer anderen Welt zugewandt. Er empfing keinen Besuch; die wenigen Freunde, Kunstergebene auch sie, lebten weit entfernt, starben, vom Alkohol zerrüttet, von Drogen vergiftet, früh. Er dagegen durfte alt werden. Seine Kinder verließen so bald als irgend möglich das Haus, gründeten eigene Familien, blieben den Eltern indes verbunden, halfen, so gut es ging. Man trug ihn zu Grabe an einem Nachmittag im November zu Anfang der Neunzigerjahre. Am Grab eingefunden hatten sich, neben der Ehefrau, die Kinder, der Bäckermeister, der ein Vaterunser sprach, zwei, drei Nachbarn. Der Bäckermeister hatte zuletzt noch einige Bilder erstanden, die er, Jahre später, für Unsummen verkaufen konnte (er überließ das Vermögen, nachdem die Frau des Malers auch gestorben war, den Kindern). Die Bilder verschwanden im Safe eines unbekannten Sammlers. Vergeblich suchte man in Bühnen- und Kellerräumen nach anderen Zeugnissen des Schaffens, nach den Werken, den Tafeln und Blättern, dem Nachlaß eines Mannes, der sein Erwachsenenleben lang mit niemandem sich hatte in Fragen der Philosophie, der Dichtkunst, der Malerei hatte austauschen können, der in denkbar entschiedenster Einsamkeit vor sich hingearbeitet, der sozusagen Briefe verfaßt an die »Geschwister nahe des Abgrunds«. Auf seinen Grabstein ließen die Hinterbliebenen ein Gedicht schreiben aus seinem Nachlaß (den wenigen Heften, die er hinterlassen): »Wenn ich nur wüßte aus welchem Abendsaum ich angereist / Ich bin ein Kalender ohne Tage / Bezahle den Schmerz in einer Währung / Die noch keine Insel je gesehn.« Darunter ließen sie seinen Namen setzen, das Jahr der Geburt, das Todesjahr – wie auch, einem Vorschlag folgend des Bäckermeisters, den Titel: »Gottes Kind und Meister der Kunst«.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)