Der Bürgermeister eines Städtchens in den peruanischen Anden – durch sein Auftreten schien etwas Altwürttembergisches; dergestalt, daß er nie so recht wußte, wo hinstehen, wem die Hand nun reichen; daß er einen haushalterischen Sachverhalt, einem Paragraphen der Hegel’schen Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse aus dem Jahr 1830 entsprechend, ausufernd zu formulieren wie auszudeuten geneigt war (was sich vermutlich mit seinem Tübinger Philosophiestudium in den 80erjahren erklären ließe). Der Bürgermeister wurde während des Spaziergangs durch den Stadtgarten nicht müde, hervorzuheben, daß er Hegelianer sei. Und, es zähle zu seinen Leidenschaften, Vogelstimmen, von der Klangfarbe her, in ein gewißermaßen geographisch gegliedertes Tonsystem einzuordnen. »Nehmen Sie etwa«, führte er aus, »die Nebelkrähe, die ihren Briefkasten, den sie übrigens regelmäßig leert, in der Araukarie dort neben der zusammengebrochenen Parkbank hängen hat – ich habe ihr Abendlied eingetragen auf meiner Stimmenlandkarte irgendwo im östlichen Ural.« Wir tranken später Wein in einem, was die Behaglichkeit anbelangte, durchaus württembergisch geprägten Stübchen, während er, gelegentlich an einem Glas Ziegenmilch nippend, ein ums andere Mal betonte, er setze sich ein für die Präsenz hegel’schen Geistes in den peruanischen Anden. Eine Kolonne militärischer Fahrzeuge (Lastwagen, Motorräder, Panzer, der eine oder andere Jeep) zog gedankenverloren, plaudernd an der der Weinstube vorüber.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)