Das Fenster öffnet die Augen: Licht fällt in die Dunkelheit der Straße. Man sieht die Zeitungsausträgerin hasten von Haus zu Haus, das Vorüberstreichen eines Kätzchens. Ich koche Kaffee im Anschluß an die nachtlange Lektüre. Während so vieler Nächte meines Lebens habe ich gelesen und gelesen. Bücher sind treue Verbündete meiner unruhigen Seele. Ich habe unablässig gegen die Leere angelesen. Diese ständig wahrnehmbare metaphysische Leere scheint mir die größte Gefahr für die Menschheit. Darüber kann man streiten. Bemerkenswert jedenfalls, daß die Leere, die an und für sich nach nichts schmecken müßte, auf entfernte Weise an den Duft frisch gekochten Kaffees erinnert. Was wir als Leere wahrnehmen und empfinden unterscheidet sich vom Nichts dadurch, daß sie, die Leere, eher als abseits gelegener Tümpel (an welchem man ständig vorübergeht, ohne ihn zu gewärtigen) erscheint. Diese Leere verfügt über eine zaghaft nur angedeutete, flüchtige Vorhandenheit. Dostojewski spricht in diesem Zusammenhang vom Nichts als von einer Falte des Seins. Man könnte versucht sein, die Leere als Fenster zu deuten – ein Fenster das nie die Augen öffnet, unablässig einem Verschatteten, einem Dunkel gehört; gleichwohl auf etwas hindeutet. Theorien über Dichtkunst füllen die Lagerhallen großer Fabriken. Die Begriffsvielfalt der klassischen Rhetorik, welche kein Gedächtnis aufzubewahren begabt ist. Aber vielleicht sollten wir sagen: Dichtung sei ein solches Fenster (immer dunkel, verschattet stets, die große Einladung ans Vorübereilen und Nicht-zur-Kenntnis-Nehmen), das Fenster einer Hütte am Rand der Dörfer – das hinweist auf ein Unsagbares, Unsichtbares, Fremdes, auf ein Ausland, eine Kolonie.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)