Wolken in allen denkbaren Grautönen wähnen sich, vermute ich, wie Streichhölzer in Schachteln jeweiliger Wetter geschichtet; gepflügt das Ackerland nahe der deutsch-schweizerischen Grenze. Im vergleichsweise spärlicher besiedelten, an den Seerhein sich schmiegenden Land, über das die räuberischen Kormorane wachen, spürst du deutlich (wahrgenommen vielleicht als Leere oder schiere Angst) die Verwandlung, die, einer Flutwelle gleich, alles überspülen, alles und alle erfassen wird. Ich spreche nicht von neuen Technologien, die der Menschengeist ersonnen, die nur kurzfristig zu Wort sich melden im Jahrhunderttausendrhythmus der Gezeiten, die wie der Schlag eines Ruders peripher und geschwind verhallend sich ausnehmen – veranlaßt und gesteuert wird die Verwandlung von einer anderen Macht. Im Wintersemester 1951/52 hielt Martin Heidegger an der Universität Freiburg i.Br. die Vorlesung »Was heißt Denken?«; dort findet sich die Aussage: »Das Religiöse wird niemals durch die Logik zerstört, sondern immer nur dadurch, daß der Gott sich entzieht.«( GA 8 / 18) Damit ist angedeutet, daß der Mensch mitnichten gestaltendes Subjekt der Ereignisse (zumal der mählich um sich greifenden wie auch wild sich aufwerfenden Fluten) zu sein vermag, daß er ein Geworfener, ein Duldender, Erleidender vielmehr. Vermutlich hat die große Verwandlung bereits begonnen. Wir haben doch nur das einsame, recht besehen für das XXI. Jahrhundert gesungene allerschönste Abendlied der verängstigten Emmausjünger: »Bleib bey uns, Herr / Denn es wil abend werden / und der tag hat sich geneiget.« Frühsommerlich fällt Januarsonne auf Röhricht und die Bucht des kleinen Fischerhafens vor Gottlieben. Winterlich eingepackt liegen die Boote, überglänzt von einem Frieden, welchen ausschließlich das Auge des Wanderers wahrzunehmen begabt ist.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)