Irgendjemand hat einmal gesagt, der Mensch werde entweder als Platoniker oder Aristoteliker geboren; will sagen: es gäbe, in geistiger Hinsicht, gewissermaßen zwei benennbare Grundhaltungen dem Leben gegenüber. Andere behaupten, im Leben käme es vor allem darauf an, daß… ––– das Wichtigste, das Wesentliche, die Grundfrage ––– Versuche, das Wirrwarr der Linien und Pfade einem einzigen Prinzip zu unterwerfen. Es wird von einem Verständnis des Herrschens und nicht von der Einsamkeit her gedacht; die Vielfalt wird einer (vergleichsweise beliebig bestimmbaren und von daher austauschbaren) Einheit, der Zahl ›eins‹ unterworfen. Dem Strom wird ein Flußbett gebaut; das Überflutende wird kanalisiert. Dagegen wildes, dichterisches Denken seinen Ausgang von einer unzerstörbaren Einsamkeit der Dinge und der Subjekte nimmt – in eine finale Einsamkeit immer wieder auch einmündet. Über Einsamkeit läßt sich letztlich keine Aussage treffen. Einsamkeit schweigt. »Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege.« (Matth. 8,20) Treffend benennt dieses Wort der Evangelien die Unmöglichkeit, über Einsamkeit etwas zu sagen, sie zu definieren. Einsamkeit kann nur gelebt und niemals einer Definition unterworfen, allenfalls von der Metapher umkreist werden. Heraklit unterstreicht im Fragment Nr. 12 die Vereinzelung, das Herausgebrochenwerden aus einem Gesamtzusammenhang, aus dem Gemeinschaftlichen: »Denen, die in dieselben Flüsse hineinsteigen, strömen andere und wieder andere Wasserfluten zu. Aber auch Seelen dünsten aus dem Feuchten hervor.« Auf dem Strom hinzutreiben des Lebens kommt einer Vereinsamung gleich – wobei, und darauf zu bestehen ist von höchster Bedeutung, Einsamkeit mitnichten als defizitärer Zustand gedacht werden darf. »La solitude, comme j’entends, ne signifie pas condition misérable mais plutôt royauté secrète, incommunicabilité profonde mais connaissance plus ou moins obscure d’ une inattacable singularité / Einsamkeit, wie ich sie verstehe, darf nicht als beklagenswerter Zustand erscheinen, vielmehr als geheimes Königtum; es ist tiefste Nichtmitteilbarkeit, aber das mehr oder weniger dunkle Wissen um eine unangreifbare Einzigartigkeit.« (Jean Genet) In meinem Tagebuch, dem »Tagebuch eines Landpfarrers«, habe ich im April 2013 über den russischen Regisseur Tarkovskij geschrieben, Einsamkeit sei ein »langsames Hinuntersteigen in uralte Bilderrahmen der Geschichte, ein elementares Empfinden von Fremdsein im Kosmos, die verwehte Stimme einer Schäferhündin aus der Ferne, das langsame Klettern von Lippen über Felsvorsprünge eines väterlichen Gedichts, langsamstes Kreisen der Kamera um religiöse Gedanken. Manchmal meine ich die Dringlichkeit zu spüren eines stillen jesuanischen Glaubens, der den Duft hätte alten württembergischen Weins.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)