Vor mir liegt eine im Jahr 1943 von Friedrich Beißner im Auftrag der Hölderlin-Gesellschaft herausgegebene ›Feldauswahl‹ von Hölderlingedichten (& Auszügen aus anderem Schrifttum des Einsamen aus Württemberg). Hölderlin für Soldaten der deutschen Wehrmacht. Junge Männer in großer Zahl, die hineinbefohlen wurden in Schatten und Düsternis und Tod, in die Verzweiflung des Soldatentums; wo doch jede Seele ahnt, daß Kriege nie gewonnen werden können. Bemerkenswert, daß zwei wesentliche und über die Maßen bedeutende Christushymnen fehlen (»Der Einzige« und »Patmos«; die dritte geschichtsphilosophische Christushymne »Friedensfeier« wurde erst 1954 entdeckt und publiziert) – bemerkenswert insofern, daß auch Heidegger diese drei Hymnen als Ganze nie behandelt hat, daß er dem Christus, dessen unbestreitbare Präsenz im späten Werk des Dichters, keine Aufmerksamkeit gewidmet. Ist es nicht gerade dieser Name (den zu deuten im Hölderlin’schen Kontext kein Leichtes), der eine flache, ideologische Verwendung des Begriffs ›Vaterland‹ verunmöglicht – diesen Begriff vielmehr transzendiert insofern, als er in die Reich-Gottes-Dimension hineingehoben wird. Warum ist Heidegger dem Christus im Schrifttum des von ihm geradezu ehrfürchtig verehrten Dichters ausgewichen? Die ›Feldauswahl‹ verweigert sich dem Christus; Heidegger verweigert sich dem Christus; die totalitären kommunistischen Regime haben sich dem Christus verweigert. Darf das als Zeichen gedeutet werden? »Tagsüber fiel Regen, der wie ein Kellner elegant | Und liebevoll bewirtete den See, Weine | An die Tische trug der grauen Teller. | Ihr feinen Weine meiner Christusdörfer. || Ihr Weine, die ihr davon kündet, daß niemand | Je verloren, wir nur den Pfad aufspüren müßten | Unsres Vaters Abraham; Weg, der, unterm Schutz | Der Farne, an Kriegsfronten entlanggeführt. || Ständig solche Winter kriegsversehrter Tage. Indes | Die Elster heute aus dem Schrank der Jahreszeiten | Das Gewand des Herrn genommen. Die Elster trägt | Den Leuchter würdig durch den Regentag.« (Jesu Wein ist meine Morgenröte)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)