Stanisław Lem – einen einzigen Science-Fiction-Autor, den ich, in Auszügen lediglich, gelesen. Keine Zeile Jules Verne – ein Armutszeugnis. Ich schaue keine entsprechenden Filme an. Was läßt mich dieser Art von Zukunftsbetrachtung gegenüber dermaßen gleichgültig sein? Nicht, daß ich die philosophische Neigung vieler Autoren übersehen würde; auch deren stilistisches Vermögen würde in niemals bezweifeln wollen. Ich verfüge über keinerlei Recht, eine entsprechende Kompetenz der Autoren in Hinsicht darauf, wie die Welt sich zukünftig ausnehmen würde, in Frage zu stellen. Gleichwohl berührt mich das Universum des Science-Fiction-Genres nicht ansatzweise. Ich kann es mir nur so erklären, daß ich das Element eines Archaischen vermisse. Eines Archaischen? Entschuldigung, wir sprechen vom Zukünftigen, von einer Schau, wohin die Dinge sich entwickeln, welche Entwürfe von Gesellschaft sich herauskristallisieren würden. In der Tat insistiere ich auf dem Moment des Archaischen. Zukünftiges Leben auf der Erde (oder wo auch immer) wird, so meine Überzeugung, wesenhaft mit archaischen Einschüben verbunden sein. Man darf nicht annehmen, die Perfektionierung technischer Errungenschaften schriebe sich kontinuierlich fort, daß die Technik schließlich alle Bereiche menschlichen Lebens prägen und beherrschen würde. Es wird Brüche geben, Katastrophen – und damit verbunden gleichermaßen die Wiederkehr eines Gewesenen, eines Uralten: Das Antlitz archaischen Lebens wird wieder sichtbar werden. Gestalt angenommen hat diese Vision einer zukünftigen Welt in Ernst Jüngers Roman »Eumeswil« aus dem Jahr 1977. Ich erinnere, daß ich das Buch zu Anfang des Jahres 1980, gleich nach seinem Erscheinen im Rahmen der Sämtlichen Werke Jüngers, zu großen Teilen auf einer Bank vor der Tübinger Jakobuskirche gelesen. Die Gedankenketten des Protagonisten Manuel Venator spiegeln eine Schau der Dinge, wie Ernst Jünger sie über Jahrzehnte hin entwickelt. Manuel Venator ist Historiker und nebenher Nachtsteward auf der Kasbah von Eumeswil. Die Welt ist, nach einer großen atomaren Katastrophe, aufgeteilt in Diktaturen. Der fast dreißigjährige Venator lebt sozusagen unmittelbar im Schatten eines der Tyrannen, des Condors, dessen Herrschaft er ablehnt von seiner inneren Haltung her, nach außen läßt er sich nicht anmerken, daß er im Grunde ein Oppositioneller. In diesem Zusammenhang trifft Jünger die folgenreiche Unterscheidung von Anarch und Anarchist. Venator bekämpft Herrschaft eben nicht politisch (dann wäre er Anarchist), er bekämpft sie als Anarch auf geistiger Ebene. Dies nur zur Atmosphäre des Romans. Entscheidend: Die Entwicklung der Technik ist weit fortgeschritten. Es gibt etwa das »Luminar«, ein Instrument mittels dessen der Historiker sich in vergangene Zeiten so hineinzuversetzen vermag, daß er sie unmittelbar teilhabend erleben kann. Gleichzeitig ist das gesellschaftliche Leben der Menschen wieder ›einfach‹ geworden. Es gibt Kneipen, Universitäten, Landwirtschaft – man könnte, im Gegensatz zur höchsten Entwicklung der Technik, von einer Rückkehr sprechen des Archaischen, eines konstant schlichten, elementaren Daseins, einer Rückkehr der groben Genüsse. Verbunden damit eine geistige Verwahrlosung, Verflachung: »Der Sprachverfall ist weniger eine Krankheit als ein Symptom. Das Wasser des Lebens versiegt. Das Wort hat noch Bedeutung, doch nicht mehr Sinn. Es wird weithin durch Ziffern ersetzt. Es wird unfähig zur Dichtung, unwirksam im Gebet.« Eumeswil – ein utopischer Roman von anderer Herkunft. Die technische Welt entwickele sich nicht nur weiter und weiter. Angesagt sei, so Ernst Jünger, gleichermaßen die Wiederkehr eines archaischen Aspekts.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)