»De mon logis, pierre après pierre, | J’endure la démolition. | Seul sut l’exacte dimension | Le dévot, d‘ un soir, de la mort. || In meiner Wohnstatt, Stein um Stein, | Überdaure ich den Abbruch. | Allein der Andächtige wußte eines Abends | Um das genaue Ausmaß des Todes.« (René Char, aus: Sept parcelles de Luberon | Sieben Parzellen am Luberon). Char umkreist in Gedanken den Andächtigen (le dévot). Er sieht ihn, das Sterben, die umfassende Macht der uns zerstörenden Schwerkraft überdauernd, inmitten von Ruinen stehen. Bemerkenswert, daß Char den Dichter in diesen Zusammenhängen als scheuen, reflektierenden Einzelnen schaut, ihn bewußt der devotio (keinesfalls irgendeinem Fieber, einem Aktivismus) zuordnet. Der Blick des Dichters, der poetische Blick auf die Dinge, erweist sich als Spaltkraft (»La réalité sans l’énergie disloquante de la poésie, qu’est-ce? | Ohne die Spaltkraft der Poesie – was ist da Wirklichkeit?« aus: René Char, Pour un Prométhée saxifrage / Prometheus und Steinbrech zugleich) – Spaltkraft insofern, als er, der dichterische Blick, das gängige Gerede zerschmettert und, den Todkern der Dinge ins Auge fassend, die Welt segnet, die Welt mit der Harfenhand Hölderlins (»la main éolienne de Hölderlin«, Char, ebd.) berührt. Poesie ist ein Berühren der Welt; indes, ungeachtet der Schwertschärfe des Wortes, ein segnendes und liebendes. In der Poesie webt, vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang, ein Verliebtsein.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)