Im Turiner Caffè Elena, unweit des Flusses Po, an der Piazza Vittorio Veneto gelegen, ist sie im Alter von 62 Jahren Gnostikerin geworden; will heißen: hat sie ihr Denken einer grundlegenden Weltverneinung zu Füßen gelegt. Spätere Lektüren haben die entsprechende Haltung verfestigt. Warum, erkundige ich mich, sei dies ausgerechnet in einem Café geschehen? »Die Kaffeestuben sind meine Kirchen.« Ich versuche, Genaueres in Erfahrung zu bringen. »Was verstehst Du unter Kirche?« hake ich nach. Als Antwort zitiert sie einen Vers von René Char: »Maison pour recevoir l’abandonné de Dieu / Haus, das den Gottverlaßnen empfängt«. Ich kenne René Chars Gedicht »Sur le tympan d’une église romane / Auf das Tympanon einer romanischen Kirche«; es mündet in den Schlußvers: »La plus offrante des tanières! / Großmütigste aller Höhlen!« Ob das Caffè Elena, ja alle Cafés überhaupt, als solchermaßen großmütige Höhlen zu verstehen seien; Höhlen durchaus – indes eben, wie die von Char gedeutete romanische Kirche, von einer Großzügigkeit und Weite, wie man sie selten finden kann ––– »Ein Ort, wo du dich nicht verstellen mußt, wo jeder Gedanke zu denken erlaubt ist«, ergänzt sie. »Dort hat mich der Gedanke ergriffen, daß diese Welt eine unerhörte Lüge sei.« Ich beabsichtige, in den nächsten Wochen nach Turin zu reisen. Ich verspreche ihr, gegebenenfalls ins Caffè Elena einzukehren und dort ein Gebet für sie zu sprechen. Sie sagt: »Vielleicht bist Du der erste Mensch, der für mich betet.« Ich ziehe mein Notizbuch aus der Tasche und notiere ihren Namen. Sie meint, meine Schrift erinnere sie an das Antlitz Christi. »Das Antlitz Christi – als Handschrift gedacht?« spreche ich leise, an mich selber gerichtet die Worte, vor mich hin. »…tatsächlich als Handschrift gedacht!« ruft sie mir nach. Ich betrete die Brücke, welche die Gleise des Bahnhofs überwölbt.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)