Das Faszinierende (Bedrohliche wie auch Wunderbare) dieser unserer Zeit dürfte darin bestehen, daß wir einem grundlegenden Wandel der Denkart ausgesetzt sind. Was als Medienschelte daherkommt, wird zumeist mißverstanden als Verblendung und Haß von Menschen, die es zu nichts gebracht, die zu kurz gekommen, die wie ein blindes Tier etwas aus sich herausschreien, was sie quält. Tatsächlich spüren diese Armen die nicht mehr überbietbare Langeweile und Leere dessen, was über die Bildschirme wandert, gedruckt sich findet in (herbstlich welken) Blättern, Zeitschriften. Ach, das endlose Gerede sogenannter (meist selbsternannter) Experten, das am Folgetag bereits als Irrtum sich herausstellt; das introvertierte Wissen der Geisteswissenschaftler, welches nicht mehr kommuniziert zu werden vermag – sie sind oft, die Geisteswissenschaftler, wie Kinder, die in Kaffeehäusern sitzen und altklug erscheinen in ihrer Anstrengung, einen in den Netzwerken Tags zuvor gepriesenen Tonfall und Kleidungsstil zu imitieren. Wie gigantisch auch immer inszeniert – die Großwerke der Heutigen, die alle Künstler wollen sein, verschwinden angesichts der verschwiegenen Stilleben eines Giorgio Morandi. Es gibt keine Verlierer und keine Gewinner. Alle sitzen auf diesem gigantischen Kreuzfahrtschiff, das wohin steuert (in welches Nirgendwo hintreibt)? William Blake, C.S. Peirce, Maria Zambrano, Ernst Jünger, um wenige Namen nur zu nennen, haben, zu ihrer Zeit oft verkannt und nicht verstanden, unsere lässig gesunde, ernsthaft kranke, von Luftikussen unterhaltene Welt vorhergesehen. Ich kann nicht erkennen, ob neue Propheten bereits aufgetreten, die den sich vollziehenden Wandel sprachlich zu erfassen begabt wären. Von allerhöchster Bedeutung erweisen wird sich zweifellos die Deutung der Johannesapokalypse (der eigentlichen Quelle dostojevskij’schen Sehertums). Nicht übergangen werden sollten weder Johann Arndts seherisches Werk der »Vier Bücher von wahrem Christentumb« wie auch Friedrich Christoph Oetingers emblematische Theologie (solche Stimmen einer physica sacra). T. S. Eliots »Four Quartets« und Hermann Brochs »Tod des Vergil« nicht zu vergessen ––– so viele andere Quellen dazuhin, die bemüht werden dürften: Melodien, die scheu und leise vom Tagesanbruch zeugen (und Werke des Valentin Silvestrov im Fünf-Uhr-Morgendunkel erlauscht); das Lied der sterbenden Vögel – wer wird die Partitur entziffern können? Jedenfalls leben wir bereits in einem ganz und gar unverstandenen, nun wahrhaftig neuen Tag, wohingegen die allermeisten jedenfalls noch vollmundig der Sprache eines längst Vergangenen nachhängen. Zum Vergangenen zählen die politischen Sprachen, das Geschrei der Theater, die wissenschaftlichen Idiome (insonderheit die Dialekte digitaler Schachbretter). Zur Vergangenheit gehören der Stechschritt, das Mikrophon, Museen. Wo sind die Stillen im Lande?

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)