»Salò o le 120 giornate di Sodoma / Salò oder die 120 Tage von Sodom.« Das Schrecklichste und Grausamste, was ich je in den Kinos gesehen – ich weiß auch nicht, weshalb ich es mir vor einigen Tagen angetan, dieses späte Werk Pasolinis zum nunmehr dritten Mal seit 1975 anzuschauen. Manchmal muß man die Augen schließen angesichts des Kotverspeisens, genüßlich perversen Quälens, Augenausstechens ––– ein faschistischer Marionettenstaat liegt in den letzten Atemzügen, die faschistische Republik Salò ist dem Untergang geweiht. Vier Männer, nach außen hin als gebildet und vornehm erscheinend, foltern lächelnd, bildungsbeflissen eine Schar junger Menschen zu Tode. Die Feier des Abgründigen, der Genuß des Grausamen, die Inanspruchnahme großer Literatur (Dante, Nietzsche, Baudelaire, Dada, Ezra Pound). In Geste und Sprache aristokratisch sich gebende Verbrecher, die sich bereit zeigen, der sexuellen, gewalttätigen Ekstase bis zum Äußersten sich hinzugeben. Pasolini zeigt den Schlußakkord (insofern das Wesen) faschistischer Macht: Der Hinweis zuletzt, daß abgründige Lust am Quälen, das Über-Menschen-Verfügen ein verborgen oder offen vorherrschendes Datum der Menschheitsgeschichte ist und dies bleiben wird, so lange es Menschen gibt. Schönheit, Feingeist, Eleganz, Brutalität, Faschismus. Der ewige Bodensatz an Sünde. Vielleicht darf man das Filmfragment tatsächlich – von Pasolini bewußt in diesem Sinne entfaltet – als theologischen Traktat verstehen, als ein Nachdenken darüber, was Sünde tatsächlich bedeute: homo incurvatus in se ipsum, das Hineingekrümmtsein des Menschen in sich selbst, ein vollständiges Abgelöstsein vom göttlichen Grund (der Mensch, sich selber überlassen). Die nächtliche Stadt ums Kino her. In einer ihrer Kammern wird das Tuch der Scham von der Wunde weggezogen. Übrigens: Ein älterer Herr hielt sich während der Vorstellung, genüßlich möchte ich vermuten, ans mitgebrachte Vesper. Das Rascheln der Plastiktüten immer wieder, das sich irgendwie auf das Gezeigte der Leinwand reimen wollte. »Fünfzigtausend Gedichte Romane las ich sie beschreiben den Blätterfall / Fünfzigtausend Filme sah ich sie zeigen den Blätterfall / Fünfzigtausend mal sah ich die Blätter fallen…« (Nâzim Hikmet, die ersten Verse des Gedichtes »Yaprak dökümü / Blätterfall«; Leipzig, 6. September 1961)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)