Der LKW, an einen Ozeanriesen erinnernd, tastet sich, von zwei Radfahrern verfolgt und einem Traktor, durch den tiefen, frühmorgendlich dunklen Nebel noch nicht erwachter, einsam liegender Straße. Wohin gehen die Menschen? Und wo kommen sie her? Fragen, die an den Flug der Eintagsfliege erinnern und, abgedroschen wie auch immer sie sein mögen, Tag für Tag neu sich stellen. Auch im fraglosen Hiersein, wie viele es, am Steuer sitzend eines Wagens und irgendwo hinfahrend, ertragen, summen die Eintagsfliegen und schreiben sich mit ihrem schwarzen Blut auf die gekachelten Wände eines Kalendertags. Ich schaue aus dem Fenster der Altstadtwohnung und höre, vor dem nervös flackernden Hintergrundlied einer Fliege, die noch im a priori des reinen Gedachtwerdens sich entworfen weiß angesichts der winterlich insektenfreien Zeit, den Dichter Archílochos (um 680 – um 630 v. Chr.) beten: »Herz, mein Herz, von ausweglosem Kummer überschüttet …. – über Erfreuliches freue dich; über Schlimmes sei betrübt, indes nicht zu sehr. Erkenne einfach das Auf und Ab, das die Menschen ergreift.« Die gläubige Seele ahnt die Weite immerzu des Universums, kennt das Vertrauteste, Mikrokosmische gleichermaßen im Alltag sich verlierender analecta biblica (biblischer Brotkrumen); die gläubige Seele wiegt im Rhythmus sich steigender und zusammensinkender Nebel: »Das sind Brunnen on wasser / und Wolcken vom windwirbel umbgetrieben / welchen behalten ist ein tunckel finsternis in ewigkeit. Denn sie reden Stolze wort / da nichts hinter ist ––– Wir haben ein festes Prophetisch wort / Und ir thut wol / das ihr drauff achtet / als auff ein Liecht / das da scheinet in einem tunckeln ort / Bis der Tag anbreche / und der Morgenstern auffgehe in ewren herzen.« (aus: 2. Petr. 1) Ozeanriesen in unseren engen Altstadtgassen –––

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)