Ich halte es in aller Regel so, daß ich Gedanken und Eindrücke von Hand skizziere, niederschreibe – das entspricht einem Aquarell, in welchem Farbflächen ineinanderfließen; dagegen das Zusammensammeln der Buchstaben auf einer Tastatur an eine Collage eher denken läßt (an ein ständig neues Anordnungen der Papierfetzen): die Finger meiner Hand, wie Tauben, aus dem Schutt der Zeichen immer neue Splitter picken. Handschrift erinnert an die Kunst des Eislaufens; das Buchstabentippen ist eine Videoaufnahme, die den Schauspieler zeigt, wie der nackt und schreiend über die Bretter sich wälzt der Theaterbühne. Jedes getippte Zeichen fällt wie ein erloschener Stern aus dem Himmel eines weitestgehend verfinsterten kosmischen Raums; der handgeschriebene Buchstabe indes treibt in Gestalt eines Nachens den Fluß hinunter. Mit der Handschrift geht einmal mehr eine Stille, eine Landschaft, ein Flußlauf, ein Entlangwandern verloren. Niemand der sich einer solchen verordnet erscheinenden Mechanisierung widersetzen könnte. Zweifellos wird die Welt als uns umgebende, unser Inneres zusehends erobernde leiser werden. Die Maschinen werden immer leiser werden. Eines Tages werden die Maschinen nur noch flüstern – um sich schließlich aufzulösen in ein vollständig lautloses Funktionieren und Gebieten. In irgendwelchen Kammern, die gleich Archipelen im Nebel der Häusermeere sich verlören, wird man einzelne dann vermuten dürfen, die Buchstaben noch setzen würden auf (gehortetes, nirgendwo mehr erstehbares) weißes Papier. Ich trage die Handschrift, eine sorgfältig gebundene Fliege zum weißen Hemd, durch meinen Tag.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)