»Im späten Staub gestrandet jene Stunde, welche von der Stille und vom Grau des Fischreihers. / An der Haltestelle, unter Monden, sprachen, unter zimtfarbenen Monden, sprachen, unter Sichelmonden, bekümmertem Wind, handelten wir über Malerei, über das Theater, übers Sterben. / Schrebergärten auf die Lichtung zeigten, die, von schwarzen Stämmen wild umflossen, Ziel oft unsrer Wege war, Wege eines Ausgehungertseins. / Warum schweigen die alten heilgen Theater?* / Fragen wurden, wie Gräber und Gruben, aufgeworfen, und, im Rhythmus jener Linienbusse, wieder zugeschüttet, deren Kommen, deren Gehn ein uns seit jeher schon Vertrautes; / und sprachen, sprachen vom Fehlen der Gewitterfront an Rändern der Vorstadtdialekte; sprachen über Kraniche, flüchtig gefaltet aus Papier, sprachen von der innern Not der Kunst, vom herbstlangen Feiern, der Vokale altjahrabenddunklem Scheinen. / Zuvor im Kino hatten wir Das Wort gesehen, Karl Dreyers vor Heimweh düster verwehtem Film. / Sehr viele später nahmen wir den Bus, in die Stadt zu fahren, des An–Rändern-Wohnens ein ganz klein wenig müde; stolz, gleichwohl, im Kalt der äußersten Bezirke alten Most zu trinken, überm König Oedipus und Hamanns Briefen, versunken innigst, dazuliegen und zu weinen; in Wohnkasernen zu ertragen, daß man älter wird. / Kunst und Denken, stolze Zirkusclowns, die ihr Publikum verloren! Schau nur, wie sie hinziehn über hohe Ebenen, wie sie die Täler meiden. Auf der Suche nach den Sternbildern von Kunst und Denken haben sie die einfachen Kinder vergessen der Welt, die wiederum sich abgewandt, gleichgültig und unerschrocken. / In Flußauen das Mauerwerk vieler Vogelnester ohne Atemzweig nunmehr und ohne Puls. // Das nasse Haar noch föhnen; am Flieder entlang in angrenzende Wälder wehn; nicht nur rief die Totenglocke viele Kranke, rief auch Dichter in den Abgrund, Mönche des Theaters, die ihrem Werk ausschließlich leben wollten, ihrem weißen Ruf-Fragment. / Und Wölfe sahen wir, heraufgeflutet aus Därmen der Erde, den nicht mehr gedeuteten Stern; den mißachteten Pflug von Prophet und Philosoph, sahen Elstern, Fuhrwerke mit vielen Toten, Bleistiftstrich und Schimmelfleck im Treppenhaus der Kindheit (unbemerkte Zeichen); überreich mit Angst geschmückt. Stuttgarts alte Augen ––– / O preise den Tee, die Stunde nordischen Lichts. / Das Gesicht noch waschen vor dem Sterben.« (WINTERPALAST / * Hölderlin, Brod und Wein Str. VI)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)