Ich finde eine erste tote Fliege des Jahres auf dem alten Parkett. Sie erinnert so sehr, die Fliege, an das Groß-Werk der menschlichen Erfindungsgabe, an den Kosmos Künstlicher Intelligenz. Beiden eignet ein daseinumkreisendes Summen, ein Auftauchen und schnelles Verschwinden, ein schnelles, leises Sterben; beiden eignet die Perfektion der Bewegungen, ein exaktes Bezogensein auf die Aufgaben (und kein Darüberhinaus, kein Träumen und Versonnensein), die Tendenz zum Ubiquitären (Fliege und KI sind an keine bestimmte Region gebunden); beiden eignet eine ungewöhnliche Schnelligkeit, ein Flinkes. Sie haben keine Feinde, die man hassen könnte, sie sind einfach da, unabhängig davon, ob ein Gegenüber das wünscht oder zurückweist. Beide erfüllen nur ihre Aufgabe (sie lassen sich durch nichts beirren). Beiden eignet die nahezu perfekt anmutende Konstruktion. Ernst Jüngers Erzählung »Gläserne Bienen« aus dem Jahr 1957 deutet bereits an, daß der Mensch, was Künstliche Intelligenz anbelangt, die Insektenwelt nachbaue. Warum fasse ich immer wieder das Unpoetische beider Welten ins Auge? Dichtung gründet auf der Ruhe des Kontemplativen, einer philosophischen Ruhe , einem Innehalten und Augenschließen, wie es KI-Bastlern und Insekten recht eigentlich fremd. Sie sind besessen, ergriffen von diesem ewigen Summen und Sirren, unablässigem Befaßtsein mit Problemen. Die erste tote Fliege des Jahres auf dem alten Parkett.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)