Weshalb ich mich eher als Apokalyptiker denn als Prophet bezeichnen würde: Die Apokalyptik folgt auf die Prophetie. Sie darf als Fortsetzung der Prophetie gelten, insofern, als sie göttliche Botschaften weiterschreibt, dabei wiederum sich deutlich von der Prophetie unterscheidet. Während der Prophet sich direkt an das Volk wendet, schreibt der Apokalyptiker in einsamer Kammer nieder, was später dann in der Öffentlichkeit verbreitet wird, gelesen werden kann. Der Prophet bringt zur Sprache, was Gott gesprochen; der Prophet spricht zunächst aus, was später dann niedergeschrieben wird. Der Apokalyptiker dagegen schreibt vor allem Sprechen nieder, was ihm Gott in Bildern gezeigt. Prophetie ist gesprochene Sprache, der Apokalyptik zuzuordnen ist das einsam visionäre Wort. Der Prophet ist ein Sprechender, ein Redner, ein Prediger. Der Apokalyptiker ist ein Seher, ein Grübler, er versinkt ins Nachdenken angesichts der Bilder, die er geschaut; er studiert die Schriften, die ihm vorliegen, deutet die Literaturen und Philosophien des Altertums wie überhaupt aller vorausgehender Epochen. In diesem Sinne war ich als Dorfpfarrer eher der einsame Seher als der Prediger der Gasse. Ich habe das Atmen beglichen in einer Währung der Metaphysik und Apokalyptik. Ich war der Dichterpfarrer, der auf dem Fahrrad durch die Gemeinde gefahren, der gesehen, geglaubt und gebetet und nachtlang Gedichtetes handschriftlich in Hefte geschrieben, der verstanden, was die Leute sagen, wenn sie über alltägliche Dinge sprechen, der jene dahinter sich auftuenden, mit jedem Wort anklingenden Kontinente geschaut. Der Tatsache stets eingedenk, daß es keine Banalität gibt, nur Verzweiflung, habe ich Blicke und Gesten gelesen; ich habe die offenen Himmel gesehen überm Hinschreiten der Vereinzelten und geistig Armen. »Wir gehen durch die Stadt der Toten; ein Museum gibt’s, / das zerbombt; stolze Kirchen flehen, Spinnen wie aus Stahl, / um ein Schweigen heit’rer Plätze. Ach, im Skelett der Traktorspur / entdecke ich den Albtraum eines wie vom Wind entrückten Wilds.« (aus: Babylon drei) Der größte Reichtum meines Lebens: daß ich das Leben eines Landpfarrers habe führen dürfen, daß ich verschenkt wurde an dieses durch und durch fremde, einsame, der Schönheit und Dankbarkeit gewidmete Hiersein, das so ganz anders sich ausnimmt.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)