In der ganzen lang sich hinziehenden Straße ist um 2 Uhr 22 außer den Fenstern meiner Wohnung nur noch eine einzige Dachkammer in näherer Umgebung erleuchtet. Ich sitze über einer religionsphilosophischen Studie, in welche unzählige Zitate hineinverwoben. Ich frage nach der Bedeutung des Zitats. Ich vergleiche Zitate mit den Adern eines Blatts. Zitate sind Stimmen, die zur Gestalt des Ganzen gehören, unterirdische Gassen, Nervenbahnen, die, ohne jeden Anklang an bürgerliches Bildungsgut, vielleicht wie Flußadern, ins Tuch hineingegraben sind. Zitate zeugen mitnichten vom Wirrwarr fremder, gestohlener, angeeigneter, ins eigene Denken hineinversklavter Stimmen; entsprechen viel eher dem geordneten Keil des Starenzugs, der Wälder und Städte, Steppen, Industriegebiete quert. Zitieren kann auch Wasserschöpfen sein aus anderen Brunnen, ein Zugeben von Gewürzen, das Entdecken unterirdischer Ölvorkommen. Zitate belegen, daß jedwedes Denken willentlich oder unwillentlich zusammengesammeltem Bruchholz, an die eigenen Ufer gespültem Treibgut aus allen Zeitaltern geschuldet ist. Zitate sind aufgespannte Schirme, die schützen vor Unwettern, vor Sonnenglut. Zitate sind Zelte und Herbergen, in welchen der Wanderer Unterkunft findet für eine Nacht. Zitate können wilde Reben sein im Weinberg; gleichermaßen Markthallen der Metropolen, dort Angeliefertes, Feinschmeckendes in Kisten gestapelt. Niemand wird jemals erschöpfend Auskunft darüber geben können, was Denken bedeutet. Man mag den Denkakt als solchen neurologisch nachverfolgen, entziffern, nachzeichnen können, ohne jemals in Erfahrung zu bringen, was Atem (Denken als Denken) sei. Man kann ›Leben‹ beschreiben; nie aber sagen, was es im Tiefsten bedeute. Der Ursprung bleibt verhüllt und dunkel. Ich frage nach der Bedeutung des Zitats. »An den Wassern von Babel sassen wir und weineten / Wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harffen hiengen wir an die Weiden / Die drinnen sind. Denn daselbs hiessen uns singen / die uns gefangen hielten / und in unserm heulen froelich sein…« ( aus Ps. 137)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)