Spätester Februar, dein letzter Tag ist angebrochen – zärtlich heiße ich sie, die gottgegebenen Stunden, Geizkrägen allesamt, die uns den Regen vorenthalten möchten, willkommen. Vielleicht werden morgen die Wasser über Ufer und Betonkanten treten jener Pfade, welche unser Hiersein tragen – heute jedenfalls schaue ich traurig auf den niedrigen Wasserstand des Sees. Die mondene Münze zerschnitten über unseren Mitternächten, über Tagesfrühn. Wann habe ich gelernt, das Zifferblatt der Uhr zu deuten? Worin wäre das Wesentliche einer Kindheit zu orten (einer Kindheit nach den Kriegen, Hungersnöten, den Ruinen, Schlaflosigkeiten)? Im Vertrauen darauf, denke ich, daß eine hohe, traumumkreiste, näher nicht bestimmbare Macht, uns durch alles Kommende führe, daß wir wie die Clematis sicher über die Mauern klettern dürfen und nicht stürzen, fallen müssen. Aus einem Kellerfenster der Nachbarschaft steigt das Lärmen einer schleudernden Waschmaschine. So viel Ungeduld und Hast in unserer Zeit; und wenig Handschrift. Es sind nicht mehr die alten, ein wenig saueren Weine Württembergs, die Hegel, Schelling, Hölderlin, Mörike – die Stiftler alle, getrunken. Es gibt jetzt feine Weine, aber die Herzen bleiben versteinert, die Stimmen befehlend, die Tätigkeiten nichtig (»Aber weh! es wandelt in Nacht, es wohnt, wie im Orkus, / Ohne Göttliches unser Geschlecht. Ans eigene Treiben / Sind sie geschmiedet allein, und sich in der tosenden Werkstatt / Höret jeglicher nur und viel arbeiten die Wilden / Mit gewaltigem Arm, rastlos, doch immer und immer / Unfruchtbar, wie die Furien, bleibt die Mühe der Armen.« – wie oft auch immer aufgerufen und zitiert, bleiben diese Verse Hölderlins aus dem ARCHIPELAGUS , ich muß an 1. Kor. 13 denken – Text, den man gleichermaßen nie zu Ende hören kann, gültig, traurig und schön). Ein letzter Tag im Februar.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)