In einer späteren Überarbeitung der 7. Strophe von BROD UND WEIN findet sich die Aussage: »…denn immer hält den Gott ein Gebet auf« – es gibt verzweifelte Versuche der Interpretation. Man widerspricht (von einflußreicher Seite her) der Auffassung, daß Hölderlin ein lebendiges, gläubiges Verhältnis Gott gegenüber hatte. Irgendwie versucht man die Sache so hinzudrehen, daß Hölderlin, einem Dionysos-Augenblick verbunden, dem Christentum fern geblieben – sprechen wir es offen aus: kein Mensch des Glaubens und Segnens, des Gebetes und des Vertrauens auf himmlische Mächte sei; man möchte seinen Hölderlin in die Gestalten einer säkular sich gebenden Society integrieren (und da ist jede Zeichentheorie recht). Aber das alles interessiert nicht. Ich habe als gläubiger Mensch Hölderlin viel zu verdanken. Zwar lese ich alle diese Theorien, die Hölderlins Auszug aus der biblischen Welt feiern, folge den Verzweigungen der Argumentation – schlußendlich spricht Hölderlin aber als Christuszeuge in mein Leben. »…denn immer hält den Gott ein Gebet auf«. Hölderlin möchte in dieser Variante, so mein Verständnis der Stelle, zum Ausdruck bringen, daß die Flüsse, die in Gott fließen, ihn nicht einfach einen eigenen, in sich selbst versunkenen Weg gehen lassen (»Ihr wandelt droben im Licht…// Schicksallos, wie der schlafende / Säugling, atmen die Himmlischen«); Gottes Hingehn vielmehr sich gestaltet als ein Verbundensein mit den seelischen Regungen des einzelnen Menschen. Nichts, was in meinem Leben sich zuträgt, das IHN unberührt ließe. Das Ausatmen von Tabakrauch, ein Fingerschnalzen, vor die Augen gehaltene Hände ––– alle Details meines kleinen (unendlich vielschichtigen) Lebens lassen Gott innehalten, zögern. Es ist die lebendige Liebesgeschichte, die mich Christus verbunden sein läßt. Wir atmen unter Wasser, sind hinabgesunken in eine solche Tiefe, daß ein Fragen, ob der Dichter Grieche gewesen, Agnostiker oder Pietist, Jesusanhänger also, gleichgültig geworden. Ich lasse sie droben streiten – Hölderlins dichterisches Denken zeichnet den Weg nach einer Heimkehr in jesuanische Gläubigkeit. Diesen Weg habe ich stets verfolgt. Hölderlin war mein Prophet, mein apokalyptischer Seher, mein Kirchenvater. Ein Leben lang hat er mich begleitet. Er war mein Vergil durch inferno und purgatorio der Nachkriegsgesellschaft. Er war der eucharistische Diener, der mir das Brot gereicht und den Kelch. Er hat mich Pindar verstehen gelehrt, das Johannesevangelium, die Paulusbriefe, die Johannesapokalypse, Kant und Fichte und Hegel und Schelling, er hat an meiner Seite segnend gewacht, als ich Trakl gelesen, Pessoa gelesen, Mandelstam, Celan, Joyce, Hermann Broch, Miłosz, Jaccottet…Er hat mir geholfen, die Cahiers Simone Weils zu verstehen. Hölderlin hat die Augen mir geöffnet für die Fülle der geistigen Welt; er hat mich die Scheu (aidōs) gelehrt, das Knien vor dem Höchsten, die Einfalt und die Schönheit des Worts. Mein Gebet ist alles andere als überflüssig oder gleichgültig. »…denn immer hält den Gott ein Gebet auf«.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)