Ich erwarte den Tag // Der Tag wird sanfter sein als die Sprache eines Todes/ Der Tag wird leichter wiegen als die Fliege / die überm Ersticken taumelt eines Munds/ Der Tag wird lachen herzlicher als Totengräber/ die das Skatblatt elegant auf Särge werfen, die als Spieltisch dienen/ Der Tag wird das Ballett aufführen einer Ulme, eines Schneiders  / Wird dem eher zögerlichen Schritt gehören/ Der Tag wird in der Schlange stehn vor einer Bäckerei/Der Tag wird der Traurigkeit sich hingeben für ein paar Münzen/ Der Tag wird fremd sein wie ein Licht über einer flüchtig nur rasierten Wange // Ich höre die ersten Autos gleiten über diese Straße vor dem Haus/Immer noch erwarte ich den Tag/ Ob er zum Hut den Purpurmantel trüge// Nicht die leiseste Andeutung von Möwenschrei im Hellerwerden einer Kammer

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)