Wer schriebe diesem Morgen einen Stern des Unglücks ins aufgeschlagene Buch, schüttete Licht, giftiges, auf Keramikfliesen, auf Platanen um das Seeufer? Jedem Anfang können, neben einem Hauch von Zauber, Neid und Enge, Mißgunst innewohnen. Es darf als hohes Vermögen gelten, die ersten Atemzüge nach morgendlichem Erwachen geschehen zu lassen im Gefühl der Dankbarkeit »Mein erst Gefühl sei Preis und Dank« dichtet Christian Fürchtegott Gellert. Unzählige erwachen wie sie eingeschlafen: verbittert, gekränkt, verzweifelt (und könnten der Gründe mehr als genug nennen für solches Traurigsein). Ich danke Christus, daß mir die Christian-Fürchtegott-Gellert-Stimmungslage sehr vertraut, daß mein Leben, zur Melancholie neigend seit Kindheitstagen, gleichwohl einer unzerstörbaren Heiterkeit gehört. »Traumverloren im Wintermantel steht die Stadt / Tagelang kann ich sie anschauen und muß nicht weinen // Tagelang kann ich sie anstaunen und heiter sein / Flußmündungen sprechen einen langen Gruß« Angekleidet wie im jüngsten Traum der Frühe, mit Trenchcoat, Hut, und fünfhundertfach um den Hals gelegten Schal, trete ich auf den Balkon und rufe dem Handwerksmeister zu, der auf dem Kamin des nachbarlichen Gebäudes ein Storchennest sich gebaut: »Meister, vergiß nicht, dem ersten Tropfen Vogelruf zu antworten!« Dann fange ich an, Splitter meines Traums in der Erde eines vorzeitig gealterten Buchsbaumtrogs zu vergraben mit stotternder Schaufel. Der heraufkommende Tag wird, gleich einem andalusischen Dichter der Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, zur Baskenmütze einen schwarzen Umhang über die Schultern geworfen, hinausfahren aufs offene Meer und nie mehr wiederkehren.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)