Vor der geschlossenen Bahnschranke hatte sich eine Autoschlange und eine Menschenansammlung gebildet. Das Warten zog sich hin: zehn Minuten, Stunden, ein Tag, eine Woche…Es begann zu schneien. Die Menschen in den Autos wie auf der Straße harrten aus. Bald waren sie eingeschneit; nach einem Monat waren alle zu Eis geworden. Güterzüge, uralte Lokomotiven, verrostete Tankwaggons wurden hin- und hergeschoben. Die Schranke blieb geschlossen. Irgendwann erstarrte die Gegend um den Güterbahnhof im ewigen Frost. Frost, der alles sich unterworfen. Und immer noch die Menschen vor den Schranken. Nach Jahrhunderten würden sie noch festgefroren sein im Augenblick. Wir verstehen unsere Biographie als ein Werden und Vergehen, prozessual. Vielleicht sollte man (komplementär sozusagen) alles Werden und Gewordene immer auch verstehen als übereinander geschichtete Bilder des Augenblicklichen. Licht kann beschrieben werden als Teilchen oder Welle – vergleichbar das Leben als im Augenblick erstarrten Bild wie als Fluß verstehen. Die Metaphern der Poesie spiegeln entsprechend Ereignis wie den im Ewigen erstarrten Splitter von Zeit. Und das Gebet gehört zum umfassend ubiquitären Flehen der Seelen wie zum unauflösbar Einzelnen des momentanen Rufs.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)