Heute vor 98 Jahren wurde meine Mutter geboren. Im Jahr 1968 ist sie gestorben. Ach, Neunzehnhundertachtundsechzig ––– » Der Wind, ein guter Knecht, / karrt Schwermut her aus Wäldern der Auvergne. /Beim Betrachten der Fabrikhalle und des alten Friedhofs träume ich von Flüssen, / an deren Hand die Menschen durch die Jahre, Dörfer, / Viertel streifen ausgebleichter Hafenstädte, / über Meerengen sich noch mühn. // Indes vom Luftangriff verheert / lag krank die zuckersüß gewesene Stadt darnieder. / Nach Rothölzern duftete und Abgasdunkel der Wind. // Nachmittags die Totenfeier ohne Requiem und Psalter; / Ergebenes Schweigen nur – die Stille, in der Stube herrschend / eines Schuhmachers: Werkzeug, Tabak, Most, / die Werke Oetingers und Hamanns in den Regalen, / ein groß gedrucktes NOVUM TESTAMENTUM GRAECE / aufgeschlagen auf dem Fensterbrett / des Schusters. // Aus Brettern notdürftig und grau gezimmert eine Art von Sarg. O wer / den Grundwasserspiegel einer Kirchturmuhr gemessen …/ Nach Öl und Birne duftete der Wind. Kamine, / darin die Dohlen Nistplätze gefunden, / auf die Schultafeln der Himmel / zeigten ––– / wer die Schrift, die Vögel schreiben, / überhaupt je sieht (geschweige denn / die Schrift der Vogelzüge noch / entziffern könnte…) // Tage nach dem Krieg, Tage, die vom Fieber noch durchglüht, vom Zirpen / feiner Drähte, vom Flackern taubstumm / der Granatfeuer. // Arme Zeit, die nur vorüberstreichen wollte. / Tage ohne Antlitz im frühen Nachkriegssommer siebenund- / vierzig; Tage, die im Eimer man wie Klärschlamm / raufgeschleppt von Flussufern. // Straße, die, ein blaues Äderchen, über eine Stirn sich schlängelte / der ehemals Keltischen Burg, um dann / ins Meer zu stürzen. // Das Gedächtnis des Asphalts /indes das Bild bewahrte einst taubenblau / geschmückter Schaufenster. Wunderbar / die Vielfalt war der Riechfläschchen, / der Fingerringe. Feuerschlucker / wie aus Krügen geschüttet / und aus Zauberburgen. // Geschäfte stehen wie Insektenaugen seitdem leer. / Vom Friedhof aus der Blick hinüberschweifte zu der Höhe, / darüberhin spazieren ging die Hitze / mit zwei roten Zugochsen. / Das Bächlein in der Farbe dunkelbraun gebeizter Schränke; / Kissen aus Moos und Unrat trieben auf der Brühe. // Um das Grab herum / drei Kinder und ein alter Mann – / schauten gedankenlos den Wolken zu, / betrachteten die Zäune welken Flieders; spürten, / wie fremd ihr Hingehn /über diese Erde. // Alle, die in jenem Sommer täglich, vermeintlich wie im Gleichschritt wehten / an die Gräber, standen sozusagen für die Uhren / einer Stadt. Ihr Schreiten war ein Weg / der Uhrzeiger. Nach Herrschaft / des Geistes duftete / der Wind. // Es sind die Trauernden, die an die Gräber täglich gehn, Uhrzeiger der Zeit. / Wolken jagen nach dem Blutgerinsel einer Schneewittchen-Ewigkeit.« (DIENSTAGS STEHT DER LEITERWAGEN VOR DEM HAUS /Sommer 1947)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)