Auf dem Nachhauseweg von einer Beerdigung. Beim Hingehn übers Trottoir betrachte ich die ausgefransten Ränder einer alten Straße, die alten Rinnsteine, die vorsichtige Andeutung von Abfall und Schmutz. Ich spüre, was ich natürlich seit jeher weiß, was jeder weiß: wie brüchig und auf Sand gebaut die Stadt und alle Städte. Das Gehen über den festgemauerten Weg, die Straßen, erinnert an Koordinatensysteme, welche die großen Meister der Philosophie, ihr Erstellen einer philosophia perennis, in mein Bewußtsein eingetragen. Ich habe Platon studiert und Kant; das sind die vorgezeichneten Boulevards – das Ins-Auge-Fassen des Rinnsteins indes entspricht den verträumten tief hängenden Nebelwolken, welche auf die Lektüren der Meister immer wieder sich legten und legen. Du glaubst, verstanden zu haben – dann aber verschwimmt alles. Ideen, Kategorientafeln verlieren sich in uferweite Ferne; mir ist halbstundenlang, gar über einen Nachmittag hin, als ob ich nie eine Seite Aristoteles oder Ricœur gelesen hätte. Ich treibe dann auf dem offenen Meer einer beliebigen Masse von Bildern und Gedanken. Die Segelschiffe auch der Poesie geraten ins Schlingern. Hart gefügte, gut verschraubte Verse einer späten Dichtkunst treiben in unerreichbarer Ferne, Containerschiffe, an meinem hilflos verträumten, verlorenen Übers-Wasser-Schlendern vorüber. Sehnsucht bindet sich an ein einziges Gut, einen klar umrissenen Namen; wohingegen Zeitgeist, Kultur, Caféhausbetrieb an abgeblätterte Tapeten erinnern. Morgen werde ich stundenlang wieder über die Religionsschrift Kants nachdenken können, den Eindruck teilend, festen Boden unter den Füßen zu haben, hinzuschreiten baumüberschattet über Lido und Laan. Übermorgen werde ich einmal mehr im stürzenden Flugzeug sitzen.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)