Zwei schöne große Steine am Bodenseeufer. Erster Stein (S1): Ich möchte in die Kirche gehen. / Zweiter Stein (S2): Warum denn das? / (S1): Ich höre die schönen Gesänge und die Stimme des Pfarrers / (S2): Das alles vernehme ich auch; allein, es bedeutet mir nichts – bin ich doch ein Stein! / (S1): Ich höre die Leute reden, die vorübergehn; sie sprechen über die anscheinend schönen und tiefen Predigten des Pfarrers, über die erhabenen Gesänge, die Choräle, wie sie es nennen / (S2): Na, dann geh doch hinüber und laß mir meine Ruhe / (S1): Wie denn? Wie soll ich hinünbergehen, der ich keine Füße und keine Flügel habe; der ich nur ein Stein bin? / (S2): Warum überhaupt willst du in die Kirche gehn? Sei doch zufrieden mit deinem Dasein als Stein. Du hast keinen Hunger, keinen Durst; leidest unter keiner Müdigkeit, du brauchst keinen Schlaf, kein Haus, kein Auto (kein Benzin, keinen Strom; uns Steinen sind die Wetter gleichgültig. Egal ob Sonne auf uns stürzt, Regengüsse auf uns fallen. Wir werden nicht sterben; überflüssig, nachzudenken über den Tod. Du bist einfach ein Stein; sei zufrieden. Warum mußt du in die Kirche gehn? / (S1): Du hast ja recht. Aber in mir lärmt eine solche Sehnsucht. Ich möchte da hinüber und sehen und hören und zuschauen ––– / (S2) winkt ab, denkt: Laß mich doch in Ruhe mit deiner Sehnsucht; (S 2) versinkt in sich selbst., ist nur noch Stein und sonst nichts. / (S1) ruft allen zu, die vorübergehen: Hört ihr mich, nehmt mich und tragt mich in die Kirche ––– Niemand hört; alle gehen einfach vorüber. Das Kätzchen Alfons jedoch hält inne, es hat den Ruf des Steins vernommen; das Kätzchen Alfons sagt: Ich kann Dir leider nicht helfen; aber ich sage es meiner Freundin, der Möwe Elfriede ––– vielleicht kann die Möwe Elfriede dir helfen und hinüberfliegen mit dir und dich in die Kirche legen. Die Möwe Elfriede jedoch erwidert, nachdem das Kätzchen Alfons vom Wunsch gesprochen des Steins, sie könne nicht helfen; als Möwe sei sie zu schwach, um den Stein tragen zu können. Sie werde indes, sagt die Möwe, es dem Adler Gustav sagen, der sei stark. Der Adler Gustav aber sagt, er habe keine Zeit, er müsse ins Ausland fliegen, an der Beerdigung teilnehmen seines Bruders; er werde jedoch seinen Freund, den Piloten Oskar, in Kenntnis setzen; der überfliege tag-täglich die Alpenkette; der werde den Stein in die Kirche bringen. Und tatsächlich: Oskar kommt und nimmt den Stein und trägt ihn in die Kirche ––– Der Stein liegt in der Kirche und hört alles und ist so glücklich und möchte auch Mensch werden und immer diese Kirche aufsuchen ––– Nach dem Gottesdienst jedoch sieht der Pfarrer den Stein und denkt: Na nu, wer hat den Stein hierher gelegt? Er nimmt den Stein und trägt ihn wieder ans Ufer, legt ihn zu den hunderttausend anderen Steinen ––– Dort liegt der Stein und ruft und ruft und ruft . Niemand jedoch, der seine Stimme hören würde. Auch das Kätzchen Alfons streicht nicht mehr vorüber. Und so liegt er da der Stein und ruft. Ihr, die ihr an den Ufern entlangschreitet der Meere, der Seen und Flüsse – ob ihr die Stimme hören würdet eines Steins?

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)