Gestern Aprilwetter tanzte in den Straßen, gab die wildesten Figuren, verharrte indes im Schweigen eines Vormittags, hob weder zu drohen, noch zu mahnen an. Der Tanz des Aprilwetters. Der Tanz des Aprilwetters. Menschen meines Alters neigen gerne dazu, ein augenblicklich bedrohlich Aufscheinendes zu verallgemeinern, als Vorzeichen eines ohnehin anstehenden Untergangs zu nehmen. Sie legen dabei einen geradezu selbstzufriedenen Pessimismus an den Tag. Der französische Schriftsteller Michel Tournier (1924 – 2016) beabsichtigte diesem im Grunde trägen Denken einen, wie er es treffend benannte, »unruhigen Optimismus« entgegenzusetzen. Die Krise: kein Ausnahmezustand, vielmehr das Selbstverständlichste der Welt. Es kann kein Hiersein außerhalb der Krise gedacht werden. Irrtümliches steht gleichermaßen unabwendbar in der Welt wie das Wachstum junger, wegsäumender Platanen. Der forschende Geist wie das dichterische Sinnen – beiden eignet ein In-Kauf-Nehmen des Scheiterns. Das ubiquitär Krisenhafte darf gedeutet werden als ausgefranster Saum eines jeden Augenblicks. Das schicksalhafte Weben im politischen Denken und Handeln könnte dahingehend bestimmt werden, daß die Politik als solche sich der Krise gegenüber als feindlich gesonnen erweist. Politik möchte die Krise aus der Welt schaffen. Marc Aurel hat in einzigartiger Weise vorgelebt, wie man inmitten der Strudel und Atompilze als Kaiser ganz ruhig leben und gelassen handeln, geboren werden und sterben kann. Sein Leben war gehaltenes Dämmern der Streichinstrumente – umgeben vom knöchernen Anschlag der Klaviertaste, vom Wachsen des Soprans ins schmerzlich nur noch Wahrnehmbare. Solche melancholisch ausgeprägte Verhaltenheit stand auch hinter Platons Konzept einer Philosophenherrschaft. Nicht daß Platon auf kühnes Wissen, äußerste Intelligenz gesetzt hätte – ihm schwebte ein Versonnenes vor, er sah den, bildlich gedeutet, durch den Kreuzgang der Geschichte nachdenklich, träumerisch, lächelnd wie weinend Schreitenden, der stets handelte im Wissen, daß er scheitern könnte, daß Handeln nie richtig sein, daß Handeln immer nur als Konstrukt, als eine Möglichkeit von vielen gedacht werden kann. Ich wünschte mir Politiker solcher Art, die, wachenden Auges, wie Kätzchen gleichwohl durch Kreuzgänge streunten, einem unablässigen Grübeln, einem nun eben unruhigen (flackernden) Optimismus verschworen und doch intelligent genug, die Maske des Entschiedenen in Würde, gebotener Höflichkeit zu tragen; Menschen, die nicht das verkörpern, was sie zu sein meinen, die eher von den Hinterzimmern, den Dienstboteneingängen, den Katakomben der Seele her sich (um Sigmund Freud die Ehre zu erweisen) beschreiben ließen.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)