Niemand, der, aus der Kammer tretend, das innere (ungeborene) Licht vergleichbar eloquent, dem Dorfschreiber verwandt, zu besingen wüßte, als dieser morgendliche Regen, dieser langhin wandernde graue Bote, unser Alpenüberquerer. An Vogelstimmen erinnert tatsächlich die atmende Fülle der Tropfen; und in jedem einzelnen Tropfen die Botschaft, daß wir leben, daß wir die Tage gestalten dürfen als Empfangende, als durch und durch passive Heckenschützen (in jedem Einzelnen eine zerstörerische Macht vorhanden wäre, wir indes ans Baumeisterliche, an die Schönheit poetischer Betrachtung, uns verschenken); daß aus dem ungeborenen Licht heraus wir das Leben zu meistern vermögen. Wodurch unterscheidet der alte Mensch sich vom neuen – fragen wir an der paulinischen Begriffsspur entlang. Es ist die innere Ausrichtung eine andere geworden. Ich erwarte alles vom Christus, dessen allsegnende Mächtigkeit als ungeborenes Licht in mir anwest. Von der Welt erwarte ich nichts. Endlich weiß ich mich einer tänzerischen Heiterkeit überantwortet. Von der erdbindenden Schwerkraft entbunden gehöre ich einem Vogelflug – naturgemäß der Sprache einer Urne nicht entflohen, vermag ich doch andere Weisen des Hierseins ins Augen zu fassen. »Ubi est mors victoria tua? ubi est mors stimulus tuus // Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?« (1. Kor. 15. 55) In altbekannter Weise mag ich zu rufen: »Regen, du mein weißer Wein, mein alpenwanderndes Kind.« Ich erkenne im Regen den messianischen Boten. Bedenkend stets, daß »das Messianische nicht das chronologische Ende der Zeit (bedeutet), sondern die Gegenwart als Forderung nach Vollendung«(Giorgio Agamben), wandere ich durch die Städte dieser Zeit (und morgen wieder durch Turin), trinke schwarzen Tee in Dörfern, verliere mich in der Weite einer Steppe, bin heute Wüstensand, bin morgen Rauch, der aufsteigt und nicht mehr weiter weiß (Jak. 4, 14). »Was wir Geschichte heißen, gibt es nicht. / Im Notenheft steht nur die kleine Melodie der Angst, / die Tonspur einer Folterkammer und des Hohns. // Herr, die Hyazinthe wirf mir zu, daß ich auf die Tanzfläche mich wage« (aus: »Straße deiner Gebete«).

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)