Zum Eintrag vor zwei Tagen, die Angst betreffend, hier ein Gedicht der Kärtner Dichterin Christine Lavant: »Die Angst ist in mir aufgestanden. / Wie eine Frau, der etwas Furchtbares einfiel / und die dann – wenn sie zwei Stuben hat – / von der einen in die andere geht, / so geht die Angst jetzt hin und her. / Oft rede ich sie an, / singe und bete für sie, / oder lese ihr stundenlang vor / aus sehr klugen, sehr heiligen Büchern. / Aber sie macht sich aus allem nichts. / Nur noch schwerer wird sie davon, / bis jede Stelle, darauf sie tritt, / anfängt zu zittern. / Und so zittert schon alles in mir, / Knie, Hände und Lippen / und am meisten wohl die Lider meiner Augen. / Doch sie findet nicht Ruhe dabei / und durch die Tür meines Verstandes / bricht sie ein in die arme Seele. / Auch dort ist alles schon schwankend. / Bilder des Himmels und der Hölle / fallen übereinander her und über die Ängstin. / O diese Arme! / Niemehr wird sie zum Schlafen kommen, / niemehr wird sie mich schlafen lassen, / denn jemand hat ihr ein Wort gesagt, / das wie ein Schwert / am Faden einer einzigen Hoffnung / über uns hängt.« Eine Angst also, von welcher Jesus, Hamann und Kierkegaard sprechen, die uns zu Fremden und Einsamen macht, zu Außenseitern aus gläubiger Bestimmung; eine Angst, die wahrgenommen, im Unterschied zur Furcht, letztlich aber nicht näher greifbar, bestimmbar bleibt ––– ungeachtet aller Erschütterung, die sie uns zufügt, gleichwohl Einbruch bedeutet des Heiligen in unsere Existenz, die uns als ungeborenes Licht, an der Hand nimmt und zu Gott führt, die Augen uns öffnet, den Emmaus-Christus zu schauen.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)