»Was ist der Menschen Leben ein Bild der Gottheit« Wie gründlich die biblische, hier von Hölderlin gebrauchte Vorstellung der »zäläm / Gottebenbildlichkeit« (Gn. 1, 27) verlorengegangen! Wenn einer dir über den Weg läuft – käme dir in den Sinn, in ihm das »Bild Gottes« zu vermuten? Wohl kaum. Den Heutigen ist nach anderen Deutungen zumute. Am Seerhein sitzend auf einer Bank, vernahm ich, wie aus einer Gruppe nahbei Herumstehender jemand sagte: »Die Bohème ist im Mittelstand angekommen. Sie wollen alle leben wie früher intellektuelle Außenseiter gelebt haben. Es ist viel interessanter geworden«, hörte ich die noch jugendlich klingende Stimme ausführen, »die Maske eines konservativen Bürgers früherer Tage zu tragen, der gepflegten Redeweise zu huldigen, langsam und gestenarm Gedanken zu entfalten…« Ein aufheulender Motor verhinderte, daß ich die Ausführungen, mögliche Entgegnungen auch von Andersdenkenden aus dem Kreis, hätte weiterverfolgen können. Es war ein Vormittag, nachdem ich aus Turin zurückgekehrt. Ich mußte an die vielen Tauben denken der piemontesischen Stadt; Vögel, die auf den Straßenverkehr und die Wege der Gottebenbildlichen ihr schönes wildes Grau zu legen geruhen. Indessen am Lago di Costanza die Tauben müde im grellen Licht der Sonne lagen und sterben wollten. Ein Turiner Freund hatte mich verabschiedet mit der Aussage, die deutsche Philosophie sei tot. Man habe nichts mehr von ihr zu erwarten.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)