Der Vorteil einer aufgeräumten Wohnung, in welcher die Dinge eine Ordnung widerspiegeln, besteht darin, dass ein erster, Küche und Stuben erfassender Frühaufsteher-Blick eintauchen darf in das Weltmeer der alten Holzböden, der geordneten, die meisten Wände zustellenden, vollgestopften Bücherregale, das Meer der schmalen hohen Holzschränke aus dem Tübingen des 19. Jahrhunderts, der schwarzen Möbel; eintauchen und erfassen darf die Uferwege versonnen in sich selbst ruhender Stehlampen. Eine aufgeräumte, geordnete Wohnung der Morgenfrühe. Auf das Leben angewandt der Menschen kann man indes kaum davon ausgehen, ein vergleichbar flüchtiger Blick nach dem Erwachen und Großwerden des Lichts würde auch nur ansatzweise Ordnung und Schönheit alter Materialien und klarsichtig entworfener Einrichtungsgegenstände offenbaren. Ach, das Leben in seiner Gesamtheit entspricht der ansatzweise verwahrlosten, vollgestellten, schlecht gelüfteten Wohnung im 26. Stockwerk eines Hochhauses der Banlieue. Auf dem Arbeitstisch der Küche würde das gebrauchte Geschirr sich stapeln. Die Jalousien würden, wie ein gelähmtes Augenlid schräg harabhängend, den Ausblick auf liebevoll gescheitelte Gärten oder großfürstliche Straßenzüge verunmöglichen. Das Leben – eine fensterlose Abstellkammer; zuweilen sogar die Folterkammer im Untergeschoß eines Bürogebäudes; eine Rumpelkammer jedenfalls. Es ist an den Dichtern (und wäre Aufgabe zukünftiger, wieder großer Predigten), in sprachlos kalte Mauern Öffnungen zu brechen, Fensterläden aufzustoßen, dafür zu sorgen, dass Streifen von Licht sich auf das Dunkel legten, dass der Atem eines frühen, noch nicht allzusehr vergifteten Tages ein Aufräumen und Ordnen ermöglichte, eine spirituelle Ordnung geschaffen werden könnte. »Im Nebel ruhet noch die Welt, / Noch schlafen Wald und Wiesen; / bald siehst Du, wenn der Schleier fällt, / herbstkräftig die gedämpfte Welt / in warmem Golde fließen.« (Mörike)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)