Zukünftige Machinen werden sehr still ihr Tun verrichten. Grobes Übereinanderschichten von Lärm, Türme geschredderten Klangs, werden unser Wandern durch Stuben und Kammern nicht mehr überragen. Um uns her wird Stille herrschen – indes wir andere Quellen des Lärms dann suchen müssen. Die Seele so vieler möchte noch die angedeutete Stille fliehn. Überhaupt man etwas Feinsinniges geradezu wie der Goldgräber vergangener Tage zu suchen genötigt sich sieht. Es sticht doch ins Auge dies Überfallenwerden von anderen Überzeugungen, ein blindes unbedingtes Rechthabenwollen. Wo dies Nebenanderherfließen stiller Flüsse, wo das Dialogische, das Fragen nach einem Denken des Anderen? Wo das Hingehen nebeneinanderher, das Tasten nach einem bislang noch nie Erwogenen, mich In-Frage-Stellenden? Dem Klappern der Gärtnermaschine kann ich die Schwermut einer JSBach’schen Matthäuspassion (von La Petite Bande gegeben unter der Leitung Sigiswald Kuijkens) entgegenstellen. Zum Weinen schön, wie Bach Jesus die Einsetzungsworte zum Heiligen Abendmahl singen läßt, dies »Nehmet, esset…«, dies »Trinket alle daraus…« (sehnsüchtigst nähe ich die Fetzen meiner Sprache zusammen zum Tuch des Hoffenden: In der Todesstunde diese Worte aus Jesu Mund, mir zugesprochen, hören zu dürfen) ––– so fein gestaltet, maßgeschneidert, sanftmütig: den Weg nachzeichnend eines tastenden Blinden. Was aber dem Immer-Gröber-Werden der Sprache, der Einheitsgröße aus Haß und Um-sich-Schlagen — was aber dem Verrohten entgegensetzen? Der Segen der Dichtkunst ist ein das Feine Bewahrendes. Es ist das Legen der Finger schlicht auf die Tasten der Sprache: etwas anklingen zu lassen für die Seele des Betrübten, Geschlagenen. Es ist der Humor einer gemahlenen, die Frühe zerduftenden Kaffeebohne am Altar des Küchentischs. Atombomben auch werden leise tauchen in die Nacht der Stadt. Die Verzweiflung der Menschen wird aufgerissene Augen zeigen. Und Weidenkätzchen der schwarzen Vasen werden die Finger zerbrochen. Ich fahnde nach dem Feinen und finde es einmal mehr im Sprachwunder der Lutherbibel (Nietzsche: »Die Sprache Luthers und die poetische Form der Bibel als Grundlage einer neuen deutschen Poesie: – das ist meine Erfindung! Das Antikisiren, das Reim-Wesen — alles falsch und redet nicht tief genug zu uns…« KSA 11 / 60). Luthers Sprache als Inbegriff des Feinsinnigen – wie Luthersprache aus der Vielfalt der Vegetation das eine Blatt, das feingeäderte, das unverwechselbar gültige Klangwunder eines Verbs etwa herauszuzaubern vermag: »Ich bin das Liecht der Welt / wer mir nachfolget / der wird nicht wandeln im Finsternis« (Joh. 8, 12 / Luther 1545). Luther lauscht das Verbum wandeln der Vulgata ab (»qui sequitur me, non ambulat in tenebris«); klar erfassend, daß im ambulare das altgriechische peripatein eine Heimat gefunden – und peripatein wiederum hindeutet auf die platonisch-aristotelische Akademie, wo im Wandeln, im Gehen an der Seite des Meisters, in vollkommener Hingabe an den Dialog, gelehrt wurde. Früchte der alltäglichen Lektüre, eines gottgebenen Staunens über das Feinsinnige; das Erahnen, wie man im Milieu des Grobschlächtigen zu überleben in der Lage sein kann. »Tage, die wie Straßen sind, die durch Viertel dämmern / alter Industrien, Tankstellen verlassen – / jetzt Gärten dort mit Schafställen, mit Brombeerhecken, / Bettlern und Propheten eines Buntstifts und dem Wagemut der Schrift« (aus: Warten unter alten Bäumen).

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)