Die Bäume an den Rändern jenes Pfads, welchen ich so gerne, ob seiner unmittelbaren Grenznähe, seiner Abgeschiedenheit wegen, beschreite, haben angefangen, zu flüstern. Ich höre die ersten Blätter tuscheln, in großer Zahl wachen sie, die kunstvoll gewandeten, wie Mönche um einen nicht sichtbaren Altar. Anders als die vorübergehenden Menschen, die ins Plappern, das heidnisch geheißene, so gerne verfallen, gehört das Blattwerk grundsätzlich einer hohen Liturgie: Anhebend als ein Flüstern des Frühjahrs, verwandeln die Stimmen sich in österliches Rezitieren von Psalmen und Novalisfragmenten, blüht der Gesang nachösterlich, pfingstlich dann auf, wächst ins Prophetenwort wie in vorsokratische Weisheit sommerlich, um, keinem Kreislauf, einer unendlich viel verschlungeren Kette vielmehr folgend, zu münden, ohne eigentlich abzubrechen, ins Meer spätherbstlich-winterlichen Schweigens — worin, gerade angesichts des Abwesendseins von Laub, der denkbar innigste Gesang verborgen, ein dem menschlichen Augen abgewandtes Blühen kat’exochen. In den Atemzweigen auch unseres vermeintlich armen Hierseins glost und lodert diese Liturgie, welche cantus firmus alles Lebendigen, die uns an die Ränder der Zeit, der Biographie, an die Gräber führt. Allein das Sterben als solches darf keinesfalls als Schlußakkord begriffen werden. Der erhobene Taktstock gebietet das Innehalten lediglich, bevor eine neue Seite aufgeschlagen wird der Partitur. Die Sprache der Dichtung (zu Friedrich Christoph Oetingers Zeiten noch, ich denke an das Württemberg des 18. Jahrhunderts, wäre die Sprache der Predigt an dieser Stelle zu erwähnen gewesen) kann verstanden werden (besonders  was das Nachbauen, Nachbilden der Naturerscheinung in Hölderlinstrophen anbetrifft) als Erlauschen einer solchermaßen verborgenen Liturgie ungeborenen Atems. Wider allen gesunden Menschenverstand eignen dem Äther (jenem ungeborenen Atem) andeutungsweise Spuren einer versonnenen, oberflächlich womöglich als Weltabgewandtheit deutbaren Müdigkeit. Das Leben ist im traumnahen, melancholischen Müdesein, einem gemäßigten, ausgeglichenen, einem flüchtigen Tafelanschrieb verwandten, ein wenig verwischten Wachsein, wesentlicher bei sich selbst als im heute ubiquitär angebeteten und verehrten Zustand des maßlosen Wachseins, welches als aufgepeitscht, chaotisch, blind egoistisch im Kern zu gelten hat. Das Licht ist zu grell. Wir wachsen seelisch nicht mehr aus der Erde. Wir sind in psychologischer Hinsicht Züchtungen der Laboratorien. In den Häusern unserer Seelen suchen wir vergeblich nach verborgenen Gängen und Kammern. Das Reiseziel vor Augen, hören wir nicht mehr auf das zögerlich nur anklingende Ächzen der Achse etwa eines Stuttgarter S-Bahn-Waggons. Wie verträumt muß ein Jesuswort doch wirken auf die Wahrnehmung der Heutigen.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)