Menschliche Verschwiegenheit und menschliches Schweigen – beide gilt es zu unterscheiden. Erstere bezieht sich auf ein klar Umrissenes, Benennbares: ich verschweige etwas Bestimmtes, der Polizei, den Eltern, Vorgesetzten, dem Chef gegenüber. Schweigen dagegen verdanke sich einer inneren, in der Persönlichkeit angelegten und begründeten Entscheidung, sei ein eher Grundsätzliches, ein Gelübde. Schwer nur vorstellbar, einen Einzelnen, der dem Schweigen verschworen, als literarische Gestalt darzustellen. Vielleicht ist Beckett der einzige, dem dies in Ansätzen gelungen; insofern, als er Fäden und Flusen beschrieben, die auf den Umrißlinien der Gestalt ihr unscheinbares Hiersein träumen und so ein klein wenig Sprache an die Grenzen tragen, dahinter der nahezu Verstummte sich eingerichtet. Gortschakov, Protagonist in Tarkovskijs Film Nostalghia, verkörpert das Schweigen, wiewohl er zuweilen sich äußert, Gedichte rezitiert, seine Monologe auf die Leinweind sich (in übertragenem Sinne) geschrieben wissen. Das Wesentliche: Er verliert kein einziges überflüssiges Wort, keine Silbe zu viel, die über seine Lippen käme. Gortschakov, der dichterisch spricht, schweigt. Im zeitgenössischen Fernsehen (in politischen, kulturellen, dem Sportereignis gewidmeten Sendungen) tritt niemals ein Schweigender auf. Schweigen darf, auf Sendungen des modernen Lebens bezogen, geradezu als antimediales Momentum gelten. Einzelne, Häftlinge des Bildschirms, sind gehalten, innerlich sich um Kopf und Kragen zu reden. Und können gar nicht anders. Gortschakov würde, Gast in einem Kulturmagazin, in das Rätsel starren einer Fernsehkamera ratlos. Ich erinnere ein Fernsehinterview mit dem alten Dichter Albrecht Goes. Er antwortete auf die allermeisten, wortgewandt von einer jungen, eleganten Moderatorin an ihn gerichteten Fragen, mit einem sehr lang gedehnten ›Ja….« — ein ›Ja‹, welches, weder bejahend noch verneinend, dem späten, müden Hölderlin’schen (von Celan in seinem Gedicht »Tübingen,Jänner« als Schlußvers zitierten) »Pallaksch« entsprach. »Pallaksch« konnte, in der Sprache des Hölderlinturms, sowohl für ein Ja wie für ein Nein stehen. Weit davon entfernt, das Fernsehen (es kann ja doch die großen tragischen Filme morgens um 2 dann zeigen), die Bildschirme überhaupt verteufeln zu wollen, meine ich doch, daß Kultur als ursprünglich griechisch-altägyptisches Erbe, anderswoher, aus versunkenen Tempeln aufsteige. »Angoulême, das ist ein Klang von anderswoher«, schreibt Hans Henny Jahnn in »Fluß ohne Ufer«.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)