Die Stimmen im Nebenzimmer erscheinen mir als Flußlauf, an welchem entlang die Bäume stehen meines pubertär sich gebenden Schlafs: zuweilen überfällt er mich aus dem Hinterhalt, ohne daß er sich angekündigt hätte; dann wieder steht er verweint und beleidigt im Eck der Stube und will sich nicht trösten lassen. Der Schlaf kommt, ich muß an das Augenblickliche denken poetischer Inspiration, als Wanderer aus der Fremde; dann wieder ist er eine taglang gegenwärtige Fensterscheibe, in welcher mein Antlitz sich halbstundenlang immer wieder spiegelt. Jahrzehnte lang schauen wir uns an in Spiegeln und sehen jedesmal ein Gesicht, das wir noch nie zuvor gesehen. Seit meiner Kindheit pflege ich in der Heiligen Schrift zu lesen, begegnen mir Texte, die ich mehr als auswendig kenne; ein wenig gelangweilt fasse ich die Initiale ins Auge, den ersten, das Textganze eröffnenden Buchstaben – plötzlich sehe ich eine wilde Felsenbirne im blühenden Frühlingsmäntelchen vor mir tanzen inmitten des winterlich noch stummen Ufergehölzes: der vertraute, oft wiedergekaute, scheinbar fest in mein Gedächtnis eingebrannte Sprachkörper liest sich wie ein nie zuvor Gesehenes. Schlaf und Dichtung sind Stege, die durchs Moor führen; haben, anders als das Denken (das akademische zumal) kein Festland unter den Füßen, städtischen Stein, auf den Hochhäuser gesetzt werden können. Dichtung und Schlaf sind klarsichtig entworfene Wege – indes solche, die das Schöne in seiner Abgründigkeit um sich wissen. Man versinkt im Moor einer unbestimmten Nachdenklichkeit, bzw. daß man den Boden unter den Füßen verliert der alltäglich bemühten Sprachgewandtheit, einsinkt ins weglose Dunkel einer Sprache, die nirgendwo hinführt – als solche aber alles andeutet, ein Unsagbares vergegenwärtigt. Dichten ist ein Umkreisen des Altars; nach jeder Umrundung, die man zurückgelegt, rückt der Altar in noch dichteres Dunkel ein. Der Rucksack des im Kreis wandernden Dichters ist vollgestopft mit Büchern. Ich betrachte an diesem Freitag die Felsenbirne am Ufer des Seerheins.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)