Kellergänge eines vormaligen Fabrikgebäudes, das jetzt der Kunst, den Künstlern, Handwerkern, Ingenieuren gehört. Stunde kleiner Nachtmusiken: Oboen, zwei an der Zahl, flirten mit elektronischen Klängen – und alles unterspült vom flutenden Fließen, Gurgeln sich verströmenden Wassers. Im Raum einer Motorradwerkstatt, zwischen Werkzeugen, Kabeln, Lampen, flimmern übern Bildschirm, vielfarbig und ächzend, Räder; Räder, die unendlich sich drehn, in welchen Mäuse sausen den Irrweg, den auch die Menschen, sozusagen in ihren jeweiligen Rädern, endlos gehn. In den Gängen, unterirdisch, sind eher ältere Menschen unterwegs, halten die Bierflasche, wie Jüngere smartphones herumtragen vergleichbar selbstverständlich, in der Hand. Worauf warten sie alle unter der Erde, in den Kellergängen, in dieser Nacht? Draußen streifen an den meterdicken Mauern der alten Fabrik die Pilgerzüge vorüber der hunderttausend Autos. Wohin fahren diese? Jemand sagt, die Kunst trage sich nicht länger mit der Absicht, zu deuten, sie wolle einfach nur noch da sein. Ob das nicht ihr gutes Recht sei? Ich bin versucht, auf Tàpies hinzuweisen, wie der die kosmische Einsamkeit des Menschen darzustellen suchte, des Menschen Lager, das Bettgestell, das Geburts-, das Sterbelager, das Lager der Umarmungen, der im irgendwo sich verlierenden Träume; ich bin versucht, die einsamen Wanderer mit ihren riesigen Rucksäcken, wie Tadeusz Kantor sie gemalt, zu erwähnen. Über den Werken beider, den Malereien, Installationen von Tàpies, den Zeichnungen und Theaterstücken Kantors, nehme ich den Streifen wahr eines Lächelns. Letztlich ziehe ich es vor, zu schweigen. Ich stehe herum, wie die anderen herumstehen; ich spüre eine Leere, die mich denken läßt an die Leere von Kirchenräumen, in denen, an Stelle eines Geistes der Anbetung und Verehrung, die Plakatwand herrscht, die Stuhlreihe, das Argument, das Mikrophon – und der Altartisch nach Belieben und Bedarf hin- und hergerückt werden kann. Ich kletterte, unterwegs auf einem Schiff des Christophorus Columbus, gerne in den Ausguck hinauf, mich umzusehen, in die Weite zu schauen, alles zu überblicken – allein die Strickleiter fehlt, ich vermag nicht hinaufzugelangen. Ich bleibe in den Kellergängen des Seins; ich ahne, daß wir an einer Schwelle stehen. Ich falte (für die Augen der Herumstehenden und Hin- und Hergehenden verborgen) die Hände; ich bete: »Gott, sei uns Menschen, die in den Kellergängen wohnen des Seins, gnädig.« In der zurückliegenden Nacht wurde die Zeit umgestellt  – aber was ist Zeit?

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)