Vogelstimmen sitzen wie eine Hochzeitskrone auf dem noch tabakdunklen Tag. »Leben ist Handschrift«, kommt mir in den Sinn. Die weithin sich verströmenden Flüsse der Autobahnen liegen noch fernab mit ihrem nervös giftigen Stöhnen, ihrem ewigen Weinen. Unser Leben brennt leise und langsam herab wie eine kleine Zigarre aus der dominikanischen Republik. Ein unvergleichbar einsamer Morgen, der wie der erste Tag eines messianischen Jahrs. Ein Neujahrsmorgen, könnte man zu denken geneigt sein, ein Neujahrsmorgen Ende März. In Händen hält das Dunkel einen Buchfinken aus Tunesien vielleicht, der vor kurzem wie eine Brotkrume aus dem Fenster geworfen wurde. Mit welcher Sorgfalt und Vogelunbekümmertheit in unterirdischen Laboratorien Uran angereichert und für allzerstörende Bomben zubereitet wird. Ich bettle: »Lieber kleiner Buchfink, singe mir dein Lied und zeige mir den Hinterhof, wo einer deiner Flügel zerbrochen, und wo die linke Hand des Schnees begraben wurde.« Im Treppenhaus erwartet mich schneegrau glimmendes Licht.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)