Die Obstschale und meine Hand. Gehören die beiden zusammen der Tatsache wegen, daß meine Hand nach einer Frucht greift? Wären sie befreundet, miteinander, verlobt, verheiratet? Stünde die Schale, könnte man weiter fragen, völlig zufällig auf dem Tisch meiner Wohnung, ginge meine Hand teilnahmslos an den Früchten vorüber wie ein Engel oder ein Sturm, ein Schnellzug, eine Limousine? Müßte der schwarze Kaffee als Tapete, als Hintergrund-Kulisse einer Liebesbeziehung von Hand und Obstschale gelten, als Ehering, der beide zusammenhielte im oben angedeuten Sinne? In einer Rede anläßlich der Verleihung des Rembrandt-Preises 1978, gibt Tadeusz Kantor zu bedenken, daß die Realität, wie diese sich darstelle in seinen Bildern, in den Gestalten seiner Theaterstücke, an den verlorenen Sohn denken lasse, der nach einer langen Reise ins Elternhaus, in den Kontext eines alten, überwunden geglaubten Zustands der Angst zurückkehre. Daß die Konstellationen alle unseres Hierseins letztlich wie Möbelstücke herumstünden in einer Stube der Angst? Obstschale und Hand: Splitter eines Freskos, welches die Angst entworfen und ausgeführt hätte? Tadeusz Kantor: »Es ist nicht wahr, daß der MODERNE Mensch ein Geist ist, der die Angst überwunden hat. Glauben Sie nicht daran! Die Angst existiert. Angst vor der Außenwelt, Angst vor dem Schicksal, vor dem Tod, vor Unbekanntem, vor Nichtigkeit, vor Leere…Es ist nicht wahr, daß der Künstler ein Held und ein furchtloser Eroberer ist…Glauben Sie mir, er ist ein armer Mensch, und Schutzlosigkeit ist sein Schicksal, da er seinen Platz der Angst gegenüber ausgewählt hat. Ein sehr bewußter Mensch. Die Erkenntnis gebiert die Angst.« (Tadeusz Kantor, Rede anläßlich der Verleihung des Rembrandt-Preises, Basel 1978) Gestern, während der ersten größeren Radtour des Jahres, habe ich die gepflügten Felder gesehen mit den schwarzen Vögeln. Abends, am Tisch sitzend der Hefte und Bücher, des Füllers, der Bleistifte, fand ich die oben ausgeführte, während der Radfahrt intensiv erlittene Gedankenkette in einem kurzen Gedicht Edith Södergrans wieder: »Die Freude ist ein Schmetterling / Der flach über den Boden flattert, / Die Trauer aber ist ein Vogel / Mit großen, starken, schwarzen Schwingen, / Die tragen dich hoch über das Leben, / Das drunten in Sonne und Grün hinrinnt. / Der Trauervogel schwingt sich in die Höhe, / Dort halten die Schmerzensengel Wache / Am Totenbett.« Der nachdenkliche Einzelne tritt, wie ein Tier an den Wassertrog, allabendlich an den Stein, in welchen das Jesuswort eingemeiselt: »In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.« (Joh. 16, 33) Worte gibt es, vor denen man in die Knie brechen möchte; nun aber, kniend vor dem Hohen, fängt man an, als Dichter und Nachdenklicher, als gläubiger Mensch, die Scherben der zerrissenen Blume zu suchen. Wohin hat der Wind die Blätter geweht?

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)