Stundenlang durch die Wälder gewandert des Kantons Thurgau. Nicht weit entfernt die Städte Winterthur und Zürich, die dichte Besiedlung um den Bodensee. Kaum zu glauben, daß Einsamkeit nach wie vor dermaßen innig wahrgenommen werden kann. Einem einzigen Fahrradfahrer bin ich begegnet. Ständig hört man Flugzeuge über sich kreisen – der Züricher Großflughafen ist nahe. Allein im Raum des Waldes verspürt man so ein Immer-schon-Gewesensein, fühlt sich engeordnet in die Kreisläufe, den Schluckauf der Galaxien und das dickköpfig kindliche Ich-will-nichts-Essen finsterer Räume an reich gedeckten Tischen des Universums — darauf als Reim, mikrokosmisch, ein humorig liebevoller Reigentanz der Vogelstimmen, im Wind sich wiegender Äste. Ich denke nach über die Worte des polnischen Philosophen Marian Zdziechowski (1861 – 1938): »Es gibt keinen Gott – rufen Natur und Geschichte mit lauter Stimme…doch diese Stimme verliert sich in der Harmonie der Psalmen und Hymnen, in dem großen, ewigen Bekenntnis, das aus dem tiefsten Inneren des Geistes kommt: Daß die menschliche Seele ohne Gott wie ›die Erde ohne Wasser‹ ist. Gott gibt es. Nur ist die Tatsache der Existenz Gottes etwas, das den Gedankenhorizont derjenigen übersteigt, die sich mit der äußeren Welt befassen – sie ist, die Gottexistenz, ein Wunder. Le monde est irrationel. Dieu est un miracle.« Dadaismus, Surrealismus (die Bewegung von 1968 war eine surrealistische), Zwölftonmusik, Happenings, Fluxus, Künstliche Intelligenz, die vielen Post-phänomene ––– das alles ist im Vergehen begriffen; was wird an tatsächlich Neuem, noch Ungeahntem kommen? Es herrscht ein unablässiges Fließen und Sich-Verändern. Nichts, das sich wiederholen würde. Was bleiben wird: Die Gestalt des Wanderers, dessen Nachdenken über Gott, sein leises Tastenspiel suchender Finger inmitten einer tosenden Menge der Vielbeschäftigten, Umtriebigen, Kiffenden, im Stadionrund Schreienden, irgendwann Sterbenden, Demonstrierenden (die aber alle auch staunen über den Kontrast zwischen heraufsteigendem milchigem Licht und zusehends sich verdunkelnden Wolkenfeldern – Menschen, die alle auch das Wunderbare als  meisterlich Eckhart’sches ›Fünklein / scintilla‹, ob sie es wissen oder nicht, in sich tragen).

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)