Tag für Tag beobachte ich in der Nachbarschaft den Abbruch eines Krankenhausgebäudes aus den späten Sechzigerjahren. Die ehemalige orthopädische Klinik durfte, was den architektonischen Entwurf angeht, wahrhaftig als Inbegriff des Belanglosen gelten. Heute die wunderbare Einsicht: Der Ruine wächst ein Antlitz zu. Zuvor der weiß getünchte Beton, die Massenware bedeutungslos. Nunmehr aber ein  Antlitz gestaltender Schrei des Zerbrochenen. Ich muß an ein Wort E.M. Ciorans denken: »Einzig eine fallende Blüte ist eine vollkommene Blüte, hat ein Japaner gesagt. Man ist versucht, dasselbe über eine Zivilisation zu sagen.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)