Ein einsam liegendes, ausladendes Anwesen; nicht so sehr weit von W. entfernt, an einem Bach, am Waldrand gelegen. Man hört sie, in bestem goethe’schen Sinn, wispern, die Wipfel der das Wohnhaus umstehenden Buchen und Linden, erzählen dies: »Warte nur, / Balde ruhest du auch.« Nach mehr als 20 Jahren das Wiedersehen. Ich hatte damals seinen Vortrag über ein völlig neues, anderes, philosophisches Paulusverständnis gehört, war im Anschluß an seine Ausführungen mit ihm ins Gespräch gekommen. Seitdem haben wir immer wieder Briefe ausgetauscht über scheinbar abgestandene, tatsächlich zusehends fremder werdende, in die Ferne weiter und weiter schweifende Themen: Biblische Prophetie und Weisheit, Paulus, Hölderlin, Achmatova, Emily Dickinson, Celan, Andrej Tarkovskij – ach, ihr immer wieder auftauchenden Namen); letztlich ging es um die Möglichkeit, über Jesu Geheimnis zu sprechen in einem auf unerklärliche Weise Sprache und Würde zusehends einbüßenden Europa. Er wohnt mit der Familie seiner Tochter nunmehr auf deren Gut; hat dort, verwitwet unterdessen, nach den Jahrzehnten des Lehrens an den verschiedensten Universitäten unseres Kontinents, ein spätes Quartier des Denkens, eine ›Hütte‹, gefunden. Sein Gruß war heiter. Er, Inbegriff eines ›vornehmen‹ Menschen, führte mich in die Stube; er bestand darauf, zwei strophische Splitter aus Paul Celans Spätwerk unserem Gespräch zugrunde zu legen; Verse aus dem Nachlaßband »Zeitgehöft«: »…manchmal freilich / stirbt der Himmel / unsern Scherben / voraus.« Die andere Strophe: »….sein Gott / schreitet mähend die Bilderfront ab, / auf den Graten / der obersten / Wiege.« Wir schritten die Pfade ab eines jeden Wortes. Als uralter Denker beharrte er auf der Erkenntnis, daß, die in dieser Hinsicht ihm so wesentliche Hölderlinstelle zu zitieren, »das Schiksaallose, das dysmoron, unsere Schwäche ist.« (»Anmerkungen zur Antigonae«). Wir würden wieder lernen, die über unsere Erde herrschenden Mächte lediglich verehren, nicht aber verstehen zu können; würden einer beckett’schen Blindheit uns einmal mehr überantworten müssen – dies aber in (er griff zurück auf ein von JSBach klanglich, von Kohelet weisheitlich unterlegtes Adjektiv) »süßer« Ergebenheit; keinesfalls verbittert, zerknirscht, innerlich zerbrochen. Er hatte Tränen in den Augen. Sein über mehr als 90 Jahre sich erstreckendes irdisches Dasein meinte er zusammenfassen zu können mit dem Celanwort (ebenfalls aus dem Band »Zeitgehöft«): »EIN STERN / lauscht einem Licht…«. Still saßen wir später mit Tochter und Schwiegersohn am Tisch, nahmen ein karges Mahl; zwischen uns wob unausgesprochen ein Geist der Dankbarkeit. Er spendete mir, letztes Zeichen vor meinem spätabendlichen Aufbruch, den jesuanischen Segen. Mit auf den Weg gab er mir das Mörike-Wort: »Horch, von fern ein leiser Harfenton!«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)