Wer wollte Nietzsche widersprechen – man möchte ihm doch unbedingt darin zustimmen, daß unser Ich ein Hafenbecken, in welches Treibgut, Schutt, ja Splitter über Splitter tag-täglich in Hülle und Fülle geschwemmt werden. Die große Illusion Descartes und Fichtes: ein schlankes, exakt beschreibbares Ich letztendlich herausfiltern zu können aus dem Meer der Phänomene! Aller Erkenntnis hafte dagegen ein Verschwommenes an – der Wanderer Nietzsche hat keine eindeutig rekonstruierbare Philosophie, geschweige denn ein diskutierbares System hinterlassen. Er war dem Kranichzug verfallen eines Nachdenkens, einem Schweifen, Andeuten, Kosten, Ausspeien, Verwerfen, Genießen. Seine philosophierenden Zeitgenossen erschienen ihm als Kreuzritter, die unterwegs waren, ein leeres Grab zu erobern. Das Sammelsurium naturwissenschaftlicher Erkenntnis entspricht dem Auftürmen leerer Bierdosen – Turm, der aufgerichtet und wieder umgestoßen, wieder aufgerichtet wird; ein Straßenspiel der Kinder (das hat Heraklit bereits gewußt: »Kinderspiele nannte er die menschlichen Meinungen« Fragm. 70). Forschungsergebnisse sind additives Wissen, reichen nicht hin, ein System zu bilden; Flußarme, die sich im Delta eines Ungefähren, immer neue Wege suchend und bahnend, verlieren. Das übrigens ist aus meiner Sicht das Schönste, Bewundernswerteste an naturwissenschaftlicher Erkenntnis: deren Sprunghaftigkeit, die kurz aufleuchtende Tanzfigur vor den Kulissen der Nacht. Nun aber das Wagnis, gegen die Evidenz nietzscheanischer Wahrnehmung zu verstoßen: nämlich wider allen Augenschein, nach der jahrhundertlangen Auflösung alles Festgefügten und Geformten, doch ein mögliches Umgrenztsein des Ichs, das Ich als metaphysische Einheit, anzudenken; ob es nicht in Hinsicht auf unser Wesen, unser Geborenwerden und Sterben, das Dasein des irrlichternden Sterns, dies großgeschriebene EINE dennoch gäbe. Ich klopfe an bei Emily Dickinson, an der Haustür ihrer Dichtkunst. Sie öffnet die Tür und sagt: »I asked no other thing – / No other – was denied – / I offered Being – for it – / The Mighty Merchant sneered – // Brazil? He twirled a Button – / Without a glance my way – / „But – Madam – is there nothing else – / That We can show – Today“? // Ich fragte nach nichts andrem – / Nichts andres – ward verwehrt – / Ich bot dafür mein Dasein – / Der Hohe Händler höhnt – // Brasilien? Einen Knopf dreht er – / Und schaut mich nicht mal an – / „Gibt’s – Lady – denn nichts anderes / Was Man Heut zeigen kann?“« Unter der Vielfalt der Kontinente und Länder wählt die Dichterin das eine Land ›Brazil‹. Sie ironisiert den Vorgang, gibt ihr Ansinnen nahezu dem Lächerlichen preis, um anzudeuten, daß auf der gängigen Ebene von Erkenntnis eine vergleichbar klar umrissene Einheit nicht möglich, Nietzsches Verdikt eben doch unumstößlich scheint, das Eindeutige, die Wahrheit, in aller Zersplitterung, nicht auffindbar, nicht sagbar sei. Im poetischen Empfinden gleichwohl webt die Ahnung, daß dies letzte Gegenüber von Gott und Ich sich schlußendlich doch ereigne (sozusagen durch eine ausgefranste, zerdehnte Sprache – o Brazil! – hindurch). Die poetische Sprache kann nur ein Anklopfen sein. Der Glaube kann nur ein Anklopfen sein. In diesem Äußersten des Denkens greift einzig noch Luthers Unterscheidung zwischen securitas (Sicherheit) und certitudo (Gewißheit). Einzig die certitudo darf Gültigkeit beanspruchen. Man muß am Unwahrscheinlichen festhalten. In irgendeiner Tiefenschicht existiert jenes Ich, welches eben prozessual in der Konfrontation Gott / Person buchstabierbar Gestalt annehmen wird. Was alle hundert Jahre einmal geschieht, die Seegefrörne, daß der Bodensee zugefriert und man ihn an seiner breitesten Stelle überqueren kann – dies Außerordentliche (das großgeschriebene ICH) wird für uns erkennbar, ausgeschrieben sozusagen, auch einmal nur geschehen, ein einziges Mal. Wir ahnen wann. Ohne dieses letzte Gegenüber von Gott und Ich gäbe es keinen Glauben, keine Auferstehung, keinen Christus, wären wir Bruchteil nur eines Staubkorns, ja weniger als ein Bruchteil, weniger als ein Tropfen Tinte, es lohnte nicht, zu weinen über die Herabwürdigung der Person in den Gefängnissen der heutigen Tyrannen. O Wagnis, Nietzsche zu widersprechen, o Brazil.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)