Immer wieder geschieht es, daß die Tage unterspült sind von einer unerklärlichen Unruhe. Ich denke nicht an die Nervosität, die einen überfällt angesichts benennbarer Ereignisse (bevorstehender oder vergangener); ich frage nach einer Unruhe, die wie ein Vogel vom Himmel fällt und in unserer Seele ein Grab findet; und wir unablässig über den Grabstein stolpern. Keine Therapie, die eine derartige Unruhe (ein inneres Aufgewühltsein ohne Woher und Warum) zu besänftigen, zu stillen wüßte. Vielleicht gibt es in unserer Seele einen Uferbereich, dort wild gewachsenes Röhricht steht, das hin- und hergeworfen wird vom Sturm, vom Ruf, der von anderswoher kommt. Kierkegaard: »…denn glauben heißt genau dieses dialektische Hin- und Herschwanken, das, obwohl unablässig in Furcht und Zittern, niemals verzweifelt; der Glaube ist genau dieses unendliche Sich-Sorgen, das einen wachhält, alles zu wagen, diese innere Sorge darum, ob man wirklich den Glauben hat.« Draußen ist es kühl; ich nehme den Dufflecoat vom Kleiderhaken – die edle Wolle dieses einzigartigen, seit mehr als fünfzehn Jahren getragenen Mantels ist ein unzerstörbarer Unterstand, der einen vor Frieren und Zittern bewahrt beim Herumstehen an Bushaltestellen und Landestegen, beim Warten auf irgendetwas.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)