Nichts, was auf Erden sich wiederholen würde. Ein vergleichbares Geschehen ist doch, einem vormaligen verwandt, ein ganz klein wenig ›ver-rückt‹, will sagen: tritt unter einem etwas anderen Winkel ins Dasein. Die Minuten, da ich nachmittags Kaffee trinke, verändern ihr Antlitz von Tag zu Tag – auch wenn die Weise einer oberflächlichen Betrachtung es nahe legen würde, zu sagen: Tag für Tag das gleiche Ereignis des Kaffeetrinkens. Sprache darum, beim Schildern eines Vollzugs, immer ansatzweise verändert und neu zuzugreifen hat. Das gilt gleichermaßen in Hinsicht auf das Denken. Wenn ich Jahrzehnte nach Husserl einen seiner Gedanken nachzuvollziehen trachte, ist mein Lesen der vermeintlich in sich identischen husserl’schen Gedankenfolge jeden Tag etwas anders. Die alten Probleme stellen sich vermeintlich immer wieder – allein der Sehwinkel verändert sich, alles ist, und sei es nur um Millimeter, verschoben. Infolgedessen ist die Philosophie eine philosophia perennis, eine immerwährende ewige Philosophie, die niemals abgeschlossen werden kann. In allem Nachbuchstabieren webt das hauchfeine Hinabsinken oder Ansteigen der Frage. Kein Gedanke, der als erledigt gelten darf, der abgehakt werden könnte. Jedes Geschehnis, jeder vermeintlich oft erlebte Vorgang, zeigt im Augenblick des Auftretens ein anders geartetes (vorsichtig verändertes) Äußeres: vielleicht ist es nur ein Seidenschal anstatt des wollenen Tuchs, eine Ansteckblume, die im Jahr zuvor gefehlt. Details, die, im Falle, daß ihnen Aufmerksamkeit gewidmet wird, erkennen lassen, daß gar nichts im Sinne einer Wiederholung in unsere Tage tritt. Wir handeln von einer uralten Erkenntnis Heraklits. »Will einer wohnen, / So sei es an Treppen, / Und wo ein Häusslein hinabhängt / Am Wasser halte dich auf.« (Hölderlin, aus: Der Adler) Dies Prozessuale ist indes keinesfalls begründet im Verwehen von Zeit. Der Fluß der Zeit ist als Folge zu deuten einer viel ursprünglicheren Geste. Gott hat das Gartentörchen geöffnet und sich angeschickt, auf die Straße hinauszutreten. Es war ein einziger Schritt, den er getan – bevor er wieder in den Garten zurückgekehrt. Ein einziger Schritt, der sich in die Schöpfung als Verfließen der Zeit eingetragen. Wäre Gott im umgrenzten Milieu des Gartens geblieben – es gäbe kein Verrinnen der Zeit. Schöpfung wäre in sich statisch, aller Zeitenfolge enthoben. Es gäbe keine Geschichte, nur zwei Menschen, die wie ein Kalenderblatt, das nie abgerissen würde, an der Wand einer Küche hingen. Die Überflutungen, Hochwasserkatastrophen des Lebens, das Fortgerissenwerden, Zusammensinken und Sterben, das Auferstehen, das Herumirren im Kreis, das Schicksalhafte, Schönheit und Armut – hätte Gott keine Anstalten getroffen, auf die Straße hinauszutreten, hätte er die Lawine nicht losgetreten.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)