Es ist so schön, daß Schneetreiben, schüchtern wie auch immer und nachwinterlich, an unserem Weltbetrachten vorüberstreift. Dünnes, offenes Haar der Birke klimpert auf verborgenen Tastaturen (auf Instrumenten womöglich der Engel – ob diese den unseren gleichen?). Ich kann mir Engel nicht denken ohne Gemächer und Harfenspiel (in welchem ein Wehendes gleichermaßen). Im umschwiegenen Sein der Engel brechen ständig Knospen auf des Klangs (es könnte ein sanftes Streichen der Schlagzeugteller auch anklingen). Musik gehört zweifellos (vielleicht zuallererst) zum ANDERSWOHER. Vergeblich, den Ursprung solcher Verführung (des suchenden Cellodunkels etwa) im Küchen- und Büroalltag der Menschen aufzustöbern. Früher die überquellenden Aschenbecher. Heute die überquellenden Seelen, die sich nicht mehr mitteilen können. Auf der Glas-Metallfläche eines Bürogebäudes in Paris die Worte: »Mais où sont les poètes?« Es fehlt nicht, sage ich sehr vorsichtig, ohne jemandes Tätigsein in Frage stellen, verüberflüssigen zu wollen, an Therapeuten, Unternehmensberatern, Experten, Tüftlern – es fehlt am Vermögen, hineinhören zu lernen in die Klangwelt der Engel. Wir bräuchten (gerade in den Großraumbüros, wo früher das Zigarettenrauchen dem Menschen ein wenig Zerstreuung und Versonnenheit ermöglicht) den ›Seelsorger‹ im eigentlichen Sinn des Wortes (nicht den Kirchenbeamten, den Unterhalter und Organisator, den zur Vereinfachung neigenden Welterklärer). Die Welt bräuchte den Dichter, den Hölderlin unserer Zeit, der von sich sagen könnte: »Der Herr hat mir eine gelehrte Zunge gegeben, daß ich wisse mit dem Müden zu reden zu rechter Zeit. Er weckt mich alle Morgen, er wecket mir das Ohr.« (Jes. 50) Eine einzige Schneeflocke setzt sich mir auf die Stirn: Ein Buchfink sozusagen ohne Pelerine, Stockschirm, Handschuhe und Hut – unübertreffbare Eleganz des Vögelchen. Die Flocke, der Strichpunkt aus Schnee.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)