Das Zuschlagen einer Autotür. Ein Vogelschrei. Der Schluck aus einer Tasse. Umblättern einer Buchseite. Augenblicke. Man gewahrt, wie ein Mensch in einem blauen Mantel, einen Aktenordner unterm Arm, an einem vorübergeht. Wir sind Partikel, die treiben im Meer sich überstürzender Augenblicke; einem Meer ohne Ufer und Inseln. Wir sind nur Augenblicke, aufscheinend am äußersten Rand einer Galaxie. Hölderlin, der das durchaus willkürlich anmutende, blitzhafte Aufscheinen und Wieder-Erlöschen der Existenz leidenschaftlich wie kein anderer gedichtet (»Des Tübingens dort, wo ich / Ein Augenbliklicher begraben / Liegen dürfte und Blize fallen / Am hellen Tag…« DAS NÄCHSTE BESTE) – Hölderlin hat in einem späten Fragment (Skizze möglicherweise zu einer Lutherhymne) das Sakrament des Heiligen Abendmahls als Macht gedeutet, welche uns in ein Bleibendes, in einen unzerstörbaren Zusammenhang mit Gott, einbinde (» und das Sakrament / Heilig behalten, das hält unsre Seele / Zusammen, die uns gönnet Gott, das Lebenslicht / Das gesellige / Bis an unser End«). So viele Erkenntnisse dieser Tage, die uns in einem Exil des Augenblicklichen festhalten – gleichzeitig strecken wir uns sehnsüchtig aus nach einer Schwerkraft, die uns angesichts des kalten Luftzugs verwurzeln könnte, uns als Strophe schriebe in das Buch des Lebens (»Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, / und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.« Ps. 139, 16). Ich beobachte eine alte Dame, die die Straße überquert. Sie stützt sich, was man selten noch sieht, auf einen Stock. Im gegenüberliegenden Haus wird ein Rolladen hochgezogen. Wir schreiben ein Datum, eine Uhrzeit: alles vergeblich – oder eben voller Schönheit, Melancholie und Würde?

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)