Eine Redewendung, die sehr oft über unsere Lippen geht: Das gilt es noch zu erledigen – also mit irgendwelchen Dingen fertig zu werden, abschließend zu handeln. Papiere, die es noch einzuordnen gilt, nachdem diese seit Wochen auf dem Schreibtisch herumliegen; heute noch eine Tablette einzunehmen, abends die Zähne zu reinigen, hinter eine Rechtsangelegenheit endlich, endlich den Schlußpunkt zu setzen. Tatsächlich wissen wir (weiß eine nicht näher bestimmbare Instanz in uns), daß es nicht an uns ist, Endgültigkeit zu erzielen. Weder in banal-alltäglichen, noch in großflächig juristischen, philosophischen, theologischen Angelegenheiten will es uns gelingen, etwas Abschließendes zustande zu bringen. Wir können das Buch unseres Lebens nicht zu Ende lesen; wie es uns auch nicht gegeben ist, die ersten Seiten aufzuschlagen. Der Text unseres Lebens steht irgendwo (in der Tat irgendwo) zwischen Anfang und Ende des Buches. Unser Hiersein wird niedergeschrieben, in ein Heft eingetragen von jemandem, der uns unbekannt. In diesem Sinne sind wir tatsächlich Erleidende, sind wir Buchstaben, die mehr oder wenig flüchtig hingeworfen – oder, was zu hoffen wäre, geduldig hingemalt werden aufs leere Blatt Papier. Die Initiale, der Anfangsbuchstabe, wie auch der Schlußpunkt werden gesetzt, ohne daß wir einen Einfluß darauf hätten. Was wir ›erledigen‹ nennen, kann anderes nicht sein als ein endlos erscheindendes Festzurren des Knotens, der sich wie von selbst wieder löst. »Aufmerksam, ja leise und behutsam lenke ich / Den Schritt an einem Donnerstag / Über moderndes Laub. // Das Meer der Kunst. Unendlich viele Werke habe ich betrachtet. / Nenne mir die Zahl der Bücher / Die ich nachts gelesen. // Trauerhäuser, die ich oft betreten, dort ich den Wein gereicht. / Harfen, die ein Hohes vorgetäuscht / An Donnerstagen in Paris. // Wir fliegen in ein Nirgendwo. Kein Wagen, der an einen Ort / Uns brächte, den Anblick weißer Dörfer schenkte. / Wir schauen nur in Spiegel.«(aus: »Staub und mancherlei Nachmittage«)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)