In einer Buchhandlung der Stadt Como hatte Ludwig in einem Buch geblättert, im damals aktuell erschienenen Werk des Antonio Tabucchi, »L’angelo nero«. Ludwig war Übersetzer aus dem Italienischen und hatte im Voraus sein Interesse bekundet, diese Erzählungen ins Deutsche übertragen zu dürfen (übrigens sollte er den Auftrag hierzu nicht erhalten – das aber nur nebenbei). Entscheidend in diesem Zusammenhang, daß Ludwig von einem heruntergekommen wirkenden, leise sprechenden alten Mann, den man eigentlich in einer Buchhandlung nicht vermutet hätte, gefragt wurde, ob er Tabucchi persönlich kenne – was Ludwig verneinen mußte. »Ich pflege seit Jahren seine Bücher zu lesen«, sagte Ludwig. Daraufhin der müde, verwahrloste alte Mann, der zwei, drei Plastiktüten neben sich auf den Parkettboden der ehrwürdigen Buchhandlung gelegt hatte : »Ich war Tabucchis Lehrer am Gymnasium.« So viele Menschen auf dieser Erde. Der Verkehr staut sich in großen Städten und deren Umgebung. Man lebt anonym nebeneinander her. Und wir sind Kinder der Überzeugung, daß Begegnungen als eher zufällig zu bewerten seien. Gleichwohl, ein ums andere Mal treffen wir auf Menschen, daß wir geneigt sind, anzunehmen, ein Gegenübertreten entspreche in besonderer Weise der Konstellation von Sternen. Ich fahre an einem Haus vorüber, schaue auf die Uhr und denke an den Bewohner, den ich schon lange nicht mehr gesehen. Hinterher erfahre ich, daß besagter Hausbewohner in dem Augenblick die Augen für immer geschlossen, als ich, vorüberradelnd, des Zeigerstands der Uhr mich vergewissert. Man erwähnt im Gespräch mit anderen einen Namen – der Erwähnte biegt prompt um die Ecke. Jeder könnte Hunderte von Beispielen aufzählen, die den Zufall aus dem Klassenzimmer verweisen und vor die Tür stellen. Die Behauptung, alles gehorche dem Zufall, darf genauso als unglaubwürdig gelten, wie die Überzeugung, Ereignisse seien grundsätzlich vorherbestimmt. Das Geheimnisvolle (der »Geheimniszustand« – ein Begriff, den Novalis geprägt) bedarf der Berücksichtigung. »Nie ahnten wir, wie sehr doch die Erde von Göttlichem unterhöhlt ist.« (Odysseas Elytis) Ich höre die »Armenian Divine Liturgy« in der kompositorischen Version des Priesters, Sängers, Komponisten, Musikwissenschaftlers Komitas Vardapet (1869-1935). Zwischen den Ritzen der Notenniederschrift wachsen die Halme des Unsagbaren, ereignet sich die Predigt des Geheimniszustandes. Wir vermögen den exakten Wortlaut zu verfolgen; gleichwohl züngeln im Hintergrund Flammen eines Abgrunds – ›Abgrund‹ nun allerdings hölderlinisch-württembergisch-kabbalistisch-pietistisch gedeutet: Jakob Böhme, Oetinger und Bengel sprachen vom ›Urgrund‹ (einem nicht sagbaren, nicht faßbaren, allertiefsten, alltragenden in Gott eingeschmolzenen Sein); Hölderlin nun bemüht den Begriff des ›Abgrunds‹; er möchte in das gründende geheimnisvolle Sein den apokalyptischen Ton des Schicksalhaften eingetragen wissen – es könnte auch alles ganz anders gefügt sein.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)

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