»Himmel über der Wüste« – eine Verfilmung des Paul-Bowles-Romans »The Sheltering Sky«. Zwei große Augenblicke zeichnen den Film aus: Wie der leibhaftige Paul Bowles, ein elegant gekleideter alter Herr, zu Anfang und am Ende des Films in einem Café der Stadt Tanger, ein Glas Tee vor sich auf dem Ecktisch, der Sätze ein paar wenige spricht über die Vergänglichkeit, die Vergeblichkeit des Hierseins. Wieviele Monde wir noch sehen würden, bevor wir weggingen von dieser Erde? Ergreifend das Bild des Schriftstellers! Allein dieser zwei kurzminütigen Passagen wegen habe ich mir den Film noch einmal angeschaut, nachdem ich ihn in den Neunzigerjahren in einem Stuttgarter Kino bereits gesehen. Ich stelle mir vor, wie jeweils ein alter Mensch kurz bevor wir geboren werden ein Kaffeehaus betritt und nach einem freien Tisch Umschau hält; wie ein anderer alter Mensch, wenn wir sterben, in einem Kaffeehaus nach dem Kellner ruft, bezahlt, sich vom Tisch erhebt und das Café verläßt. Sie sind beide gewissermaßen Türsteher vor dem Haus unserer Existenz. Sie nehmen ihren Dienst auf, um ihn eines Tages wieder zu quittieren. Stundenlang habe ich heute im Kreuzlinger Seeburgpark auf einer Bank am Seeufer gesessen. Zur Linken Konstanz mit seinen Kirchtürmen unter schwarzblauen Regenwolken; zur Rechten verschneite Alpengipfel im gleißenden Licht. Auf dem See, weit draußen, ein einziges rotes Motorboot. Paul Bowles im Café der Stadt Tanger; Elsa Morante in einem unterirdischen Mithrasheiligtum der Stadt Rom, ich am Kreuzlinger Seeufer. Überall sitzen, über Jahrhunderte hin, alte Frauen und Männer, Türsteher, Sänger in Königsgestalt; sie rauchen, schauen versonnen in eine vermeintliche Leere und verschweigen, was ihre Augen sehen.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)