Wittgenstein sagt, das Sagbare sei vom Unsagbaren in einem fort umgeben. Man könnte, diesen Gedanken aufgreifend, behaupten, die Poesie sei der Streifen Niemandsland zwischen den beiden Bereichen der Sprache. Im Niemandsland, das niemandem gehört, kann niemand wohnen. Man durchquert ständig diese Zone; setzt sich vielleicht augenblicklang auf einen Stein, um auszuruhen, stößt mit dem Schuh einen handgroßen Stein zur Seite, streicht die Haare aus der Stirn. Während man durchs Niemandsland geht, gehört man weder dem Unsagbaren noch dem Sagbaren. Immer wieder stoßen wir auf dieses Dazwischen (metaxý), welches unser Leben so sehr prägt, welches dafür verantwortlich zeichnet, daß wir jede Gestalt der Eindeutigkeit im Grunde vermissen. Poesie ist das ständige Wechseln von einem Bezirk in den anderen, der Streifen Niemandsland zwischen Mathematik und Urwald, Gesetz und Taumel, der Streifen Niemandsland zwischen Geborenwerden / Sterben (Eingebundensein in die Zeit) und einem niemaligen (bzw. stetigen, ewigen) Dagewesensein. Im Niemandsland gibt es keine Städte, keine Dörfer, keine angelegten Gärten, auch keine ausgedehnten Wälder. Es gibt das Unterholz, den Schilfgürtel, Farne, Farne über Farne, streifende Tiere wie den Karneval der Vögel. Schwermutsland (wird doch jedes flüchtige Erwägen eingetaucht sogleich ins »Du-mußt-weitergehn«). Es gibt dort keine Politik, weder parlamentarisches noch außerparlamentarisches Tun. Man verzichtet, verzichtet auf alles, verzichtet auf den Blick in die Ferne: »Vorwärts aber und rückwärts wollen wir / Nicht sehn. Uns wiegen lassen, wie / Auf schwankem Kahne der See.« (Hölderlin, Mnemosyne) – darum Poesie niemals politisch sein kann; ihr haftet an ein halbes (nie vollständiges) Sich-Abwenden und Weiterziehn. Es gibt keine Klassen, keine Stände, kein Fürstentum, keinen Untertan. Es gibt kein Gemälde; lediglich die Skizze, das Flüchtige; keinen Güterbahnhof, keine Bahnstation; es gibt nur den Weg – und keine Gräber. Johann Georg Hamann verweist darauf: Die Poesie sei die Muttersprache der Menschheit.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)